(nach Archiv02 übernommen)
Textlesung: Kol. 3, 12 - 17
So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
Liebe Gemeinde!
"Kantate" heißt dieser Sonntag, "Singet"! Und gewiss hat die liturgische Kommission, die schon vor Jahrzehnten die Predigttexte für die Sonn- und Feiertage des Kirchenjahres festgelegt hat, heute besonders diese Worte in den Mittelpunkt stellen wollen: "... mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen".
Mir aber ist an diesem Ausschnitt des Briefs an die Kolosser ein ganz anderer Gedanke wichtig geworden, der beschäftigt mich seit Jahren und lässt mich nicht los. In den Worten des Paulus drückt er sich so aus: "Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit." Dabei ist es besonders der zweite Teil des Satzes, dem ich immer wieder nachsinne und den ich gar zu gern im Leben verwirklichen möchte.
Dass jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Ich denke nicht von mir, dass ich der große Lehrer bin, der bevollmächtigte Warner und Mahner meiner Mitchristinnen und -christen... Ich glaube vielmehr, dieser Auftrag meint uns alle - und an dieser Stelle hapert es bei uns allen. Wir nehmen diese Aufgabe nicht ausreichend wahr, ja, eigentlich drücken wir uns alle gern um jedes Wort der Kritik an unseren Mitmenschen herum - wenn uns über dem Verhalten unserer Zeitgenossen nicht gleich der Kragen platzt. Das aber ist ja wohl nicht gemeint mit "Lehren" und "Ermahnen"!
Aber wir wollen das einmal ganz praktisch an Beispielen aus dem Leben besprechen und bedenken: Was mir als (PfarrerIn, LektorIn, PrädikantIn...) immer wieder sehr zu schaffen macht, ist das, was ich aus der Gemeinde über Kolleginnen und Kollegen höre. Dabei wollen wir für einen Augenblick einmal ausblenden, dass in der Gemeinde sicher auch über mich gesprochen wird, was an mir fragwürdig ist, nicht gefällt oder auch, was nicht mit der frohen Botschaft zusammenpasst, die ich doch eigentlich predigen und in die Herzen der Menschen bringen möchte. Es soll jetzt einmal darum gehen, was ich von anderen erzählt bekomme und wie ich zum Besten der guten Sache andere darauf aufmerksam oder daraus eine hilfreiche Ermahnung mache. Aber ganz konkret; wie oft habe ich schon eine solche oder ähnliche Bemerkung gehört: "Der Pfarrer X kommt vor dem Gottesdienst schon immer mit einem Karfreitagsgesicht in die Kirche! Aber nicht nur in der Karwoche, sondern auch an Ostern oder Weihnachten!" - Wenn ich da jetzt lese: "Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit", müsste ich mich da nicht einmal zu Pfarrer X aufmachen und ihm sagen, wie er in der Gemeinde ankommt?
Liebe Gemeinde, ich spüre das jetzt schon, wie sie innerlich dazu stehen, ihre Vorbehalte, ihre Gedanken: Das kann man doch nicht machen. Das kränkt Pfarrer X doch und stellt einen Eingriff in seine unverwechselbare Persönlichkeit dar - und was uns da sonst noch einfallen mag. Die andere Seite aber ist dies: Wie viele Menschen mögen wohl schon durch die Leichenbittermiene des Herrn Pfarrer X an der frohen, befreienden Botschaft des Evangeliums irre geworden sein? Denn das wissen wir alle: Es kommt ganz und gar nicht nur darauf an, was etwa auf der Kanzel gepredigt, sondern auch wie es gesagt wird! Ich würde dieses "Wie" mit weit über 50 % veranschlagen. Salopp gesprochen: Dass wir Prediger und Predigerinnen die gute Nachricht auch mit unserem freundlichen Gesicht zu den Menschen hinüberbringen, ist gut und gern die halbe Miete!
Und ich halte der Meinung, dass man Herrn Pfarrer X nicht darauf hinweisen dürfe, wie seine finstere Miene die frohe Botschaft zunichte macht, dass er davon vielleicht ja gar nichts weiß - und dass es ihm auf der anderen Seite vielleicht gar nicht schwer fiele, ein anderes Gesicht aufzusetzen! Wenn ihn nur einer einmal darauf ansprechen würde!
Gewiss: Mut gehört schon dazu. Aber ich denke, dass wir um der Liebe zu Gott und zu unseren Geschwistern auch einmal zu solcher "Lehre" und "Ermahnung" finden müssten! Hören wir doch auf die ausdrückliche Bedingung für solche Mahnung: "Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit!" Ich finde, das Wort Christi verlangt von uns geradezu, dass wir unsere Schwestern und Brüder auch in ihren Schwächen, Mängeln und Fehlern nicht alleine lassen, sondern ihnen helfen, dass sie erkennen können, wo sie an sich arbeiten müssen!
Aber hier ist ein zweites Beispiel - mehr aus dem alltäglichen Bereich - und ich bin sicher, auch damit haben wir schon unsere Erfahrungen gemacht: Ich denke an die nun wirklich seltsame Trennung von christlich und weltlich, wie sie im Reden der Mitmenschen am Sonntag und auf der anderen Seite an der Arbeit, in der Freizeit am Werktag deutlich wird. Da gibt es durchaus christliche Zeitgenossen, die haben an Karfreitag und Ostern vielleicht die wunderbare Botschaft von Jesu Leiden und Sterben zur Vergebung der Sünden und von seiner Auferstehung vernommen - mit ihrem Leben, ihrem Umgang mit dem Tod, mit ihrem Denken, Reden und Verhalten im Alltag aber hat das nichts, absolut nichts zu tun. Ganz deutlich: "Gewiss hat Jesus alle Schuld der Welt abgetragen", sagen sie, aber ihrem Nachbarn, mit dem sie wegen einer Nichtigkeit seit Jahren im Streit liegen, können sie seinen kleinen Fehler, der noch dazu viele Jahre zurückliegt, nicht vergeben. Und: "Sicher ist Christus am Ostermorgen auferstanden", sagen sie, aber wir können von ihnen dann doch solche Sätze hören: "Ob nach dem Tod noch etwas kommt? Wer kann das wissen! Es ist noch niemand zurückgekommen!"
Ja, auch hier meine ich, dass wir aufgerufen sind, solchen Mitchristen einmal vor Augen und Ohren zu führen, wie wenig doch Glauben und Leben bei ihnen zusammenstimmen! Unseren Ausflüchten, die uns ganz gewiss in den Sinn kommen, stelle ich auch hier entgegen: Vielleicht hat bisher wirklich nur ein Mensch gefehlt, der sie einmal aufmerksam macht, wie Denken und Handeln bei ihnen auseinanderfallen. Vielleicht könnte ein offenes Wort von uns ihnen helfen, mit sich und der Welt besser ins Reine zu kommen. Ja, vielleicht wären sie uns sehr dankbar für unseren Mut und unsere Offenheit?
Und jetzt wollen wir das noch mit den anderen Gedanken aus den Worten des Paulus verbinden, die uns heute gesagt sind: So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Unser Mahnen etwa wird immer nur dann richtig und helfend bei den Menschen ankommen, wenn wir es nicht an Freundlichkeit, Demut und Geduld fehlen lassen! Das kann einen Mitchristen nur weiterbringen, wenn wir ihn auf seine Mängel aufmerksam machen, wenn er an uns spürt, wir erheben uns nicht über ihn, wir wollen nicht besser sein und wir wissen um unsere eigenen Fehler und Schwächen! Aber wenn er das an uns erfährt, dann kann unser Lehren und Mahnen sogar einen neuen, einen anderen Menschen aus ihm werden lassen.
Ich finde, das wäre doch sehr traurig, wenn wir es als Christinnen und Christen nicht mehr schaffen, einander auch einmal eine vielleicht unangenehme Wahrheit zu sagen. Ich wünschte uns, dass wir dazu auch noch diese Worte aus dem Brief des Paulus an die Kolosser zu Herzen nehmen: Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen! Es ist durchaus ein Zeichen der Liebe zueinander, wenn wir uns auch davor nicht drücken, uns einmal kritische Fragen zu sagen und selbst gefallen zu lassen! Wir würden damit auch wahr machen, dass wir in Jesus Christus wirklich zu einem Leib gehören und Geschwister sind! Und seinen Frieden würden wir so auch finden, denn es schenkt Frieden und gute Gemeinschaft, wenn Menschen Vorbehalte abtun und einer dem anderen ehrlich und ohne zu verurteilen auch das sagt, was einer gelungenen Beziehung und dem herzlichen Miteinander im Wege steht.
In solcher Liebe, über solchem Frieden und in dieser guten Gemeinschaft mit jedermann werden wir gewiss auch gern das tun, wozu uns Paulus und der Name dieses Sonntags einlädt: "Kantate" - mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. AMEN