[Predigten, Texte, Gedichte...] [Buch mit 365 Gedichten] [Diskussionsforum zur Kirchenreform] [Mein Klingelbeutel]

Liedpredigt am Altjahrsabend - 31. Dez. 2001

Liebe Gemeinde!

Wir haben da ein Lied in unserem Gesangbuch, das soll uns heute abend an die Schwelle und durch die Tür ins neue Jahr begleiten. Dietrich Bonhoeffer hat es geschrieben, wir wissen auch wann: Das war kurz vor der Jahreswende 1944/45. Er saß im Gefängnis, war getrennt von seinen Lieben und durfte nur noch den Tod erwarten. Nur wenige Monate später wurde er hingerichtet, weil er dem Unrechtsregime widerstanden hatte.

Wir wollen heute sein Lied hören, singen und bedenken. Wir wollen uns von seinen wunderbaren Gedanken und Bildern helfen lassen, daß wir den Übergang ins neue, noch unbekannte Jahr getrost und voller Hoffnung bestehen können. Der dieses Lied geschrieben hat, wußte, was ihn erwartet - und er hat dennoch solche Worte gefunden. Wieviel mehr werden uns seine Verse ruhig und getrost machen, die doch äußerlich unbedroht, sicher und ohne Angst leben können:

Wir denken an das vergehende Jahr. Wie oft haben wir uns Sorgen gemacht, wie oft wälzten wir uns abends unruhig in unserem Bett hin und her. Die Aufgaben des kommenden Tages standen groß vor uns, wir meinten, nicht alles schaffen zu können. Oder es erwartete uns eine Untersuchung, eine Operation, von der viel abhing, vielleicht gar unser Leben. Oder wir hatten eine Prüfung am nächsten Morgen, ein wichtiges Gespräch, eine Entscheidung mußte getroffen werden?

Wie ist es ausgegangen? - Von all den Aufgaben, die uns so belastet haben, konnten wir schon bis zum Mittag die meisten erledigen! Die Untersuchung zerstreute unsere Bedenken. Die Operation hat unser Leben sehr zum Guten verändert: Wir sehen wieder richtig...dürfen vielleicht wieder alles essen. Die Prüfung ist bestanden, das Gespräch konnte klären, die Entscheidung haben wir nicht bereut. Wir haben erfahren, daß es stimmt, was wir jetzt singen wollen:

Aber es gab auch schwere Tage im zuende gehenden Jahr. Wir nahmen die trüben Gedanken mit in die Nacht. Und am nächsten Morgen hatte sich nicht alles aufgelöst und geklärt! Wir mußten für einen lieben Menschen das schlimmste befürchten. Und der Abschied kam auch und traf uns trotz aller Ahnungen ganz unvorbereitet. Die Frage: "Wie soll es jetzt weitergehen?", fand lange keine Antwort. Und dem Sinn unseres eigenen Lebens - nach diesem Abschied - sind wir bis heute nicht auf die Spur gekommen. Es ist wahr, was wir hier hören:

Und doch war selbst in dieser schweren Zeit die Hilfe nicht ganz fern. In aller Verlassenheit kam uns auf einmal ein Lächeln auf die Lippen. Wir wußten nicht woher. Mitten in der Trauer sprach einer wieder vom Leben. Zweifel hatten wir viele, aber der Ver-zweiflung fielen wir nicht anheim. Manchmal schien es, als sänge in uns ein Vogel sein Hoffnungslied - auch wenn es noch ganz dunkel in uns war. Es kam uns vor und es war...ja, als müßten wir nur die Hand ausstrecken...und da ist dann ein Halt, ein Beistand, ein gutes Wort, ein Gedanke, der uns ein paar Schritte begleitet...bis wir wieder selbst feste, tapfere Schritte machen können. Wir können das - schweren Herzens zwar - aber wir können das mitsprechen:

Und über diesen Erfahrungen haben wir gespürt und spüren wir immer wieder, daß dieses Leben kein Spaziergang ist, keine Leichtigkeit, kein bloß frohes Spiel... Böse Tage müssen bestanden, dunkle Täler durchschritten, der schwere Kelch muß getrunken werden. Und - seltsam ist das - über diesen schweren Zeiten verliert unser Leben zuletzt nichts - es gewinnt vielmehr: Tiefe, den Raum, in dem der Glaube seinen Platz hat, das Vertrauen auf Gott, die Zuversicht auf seine Führung und seinen Plan mit uns...in allem Dunkel! Und so kann es geschehen, daß wir gerade in den schwersten Tagen gar nicht tauschen wollen mit denen, die im Glück sind oder in dem, was die Menschen für Glück halten. Denn gerade, wenn uns selbst die Kraft ausgeht, fühlen wir Gottes Kraft. Und gerade, wenn wir uns nicht mehr helfen können, hilft uns Gott. In solchen Zeiten wird unserem Herzen der Boden bereitet, auf dem der Glaube wachsen kann. In solchen Zeiten wissen wir, woher wir kommen und wohin wir gehen. In solchen Zeiten möchten wir in der Nähe dessen bleiben, den wir dann so deutlich neben uns spüren - auch wenn uns dann manchmal nach Weglaufen ist. Wir wollen diese schweren Zeiten nicht missen und nicht vergessen. Sie sind wichtig. Wichtiger vielleicht als mancher helle Sonnentag, den wir durchlebt haben.

Über diesen Gedanken verstehen wir auf einmal das Geheimnis des Lichts, das - wie wir sagen - Gott mit Jesus Christus in dieser Welt angezündet hat: Es macht nicht unser ganzes Leben hell! Es bleiben Schatten, Dunkelheiten, Winkel in denen kein Glanz liegt, in denen die Angst wohnt und die Sorgen sich breit machen. Aber das Licht brennt. Keiner kann es auslöschen. Unser Leben hat eine Mitte! Dort strahlt sein Licht. Dorthin können wir immer fliehen. Dort ist es hell genug, daß wir selbst den Sinn unserer trüben Stunden erkennen oder doch erahnen. Und - das tiefste Geheimnis seines Lichtes! - gerade vor unserem Dunkel hebt es sich ab, wird größer, heller, strahlender! Gerade unser Dunkel schafft auch, daß wir uns aufmachen zum Licht. Gerade unser Tappen und Tasten ohne Weg und Ziel, ohne Führung und Halt läßt unsere Sehnsucht nach ihm nur um so größer werden. Wir fühlen, daß wir ihn brauchen! Ohne sein Licht können wir nicht sein. - Und wir müssen es nicht, denn er ist da, der von sich sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Und sein Licht leuchtet uns allen. Und wir alle brauchen es. Auch das Leben der Menschen neben uns ist ja nicht ohne Finsternis. Auch die anderen machen sich Sorgen, haben Angst und müssen durch ganz schwere Stunden hindurch. Ja, vielleicht beneiden sie uns für die nur kleinen Schatten, die über unseren Tagen liegen, das nur kurze Dunkel, durch das wir schreiten?

Aber das Licht unseres Herrn schließt uns auch alle zusammen. Es ist ja das eine Licht, das uns allen strahlt! Und wo wir uns alle zusammentun und vereinen, da wird es heller, als es nur für einen allein sein kann.
Und wir wollen dieses Bild, diesen Augenblick dieser Stunde mitnehmen in die Zeit, die nun kommt, in das ganze neue, noch verschlossene Jahr: Was auch immer uns begegnet, wir haben sein Licht! Mögen sich auch dunkle Zeiten vor uns auftun, wir sind nicht allein. Wir werden die Kraft haben, unseren Weg zu gehen. Wir werden mutig genug sein, getrost und gelassen, jeden neuen Morgen aus Gottes Hand zu empfangen. Wir werden den Glauben und die Hoffnung nicht verlieren, mag es auch manchmal so düster sein, daß wir die Hand nicht vor Augen sehen - seine Hand wird doch da sein, und sein Licht wird uns nicht verlöschen!

Und neben uns sind die anderen! Sie glauben wie wir. Sie haben eine Hoffnung und einen Herrn - wie wir. Ihnen und uns leuchtet sein Licht. Wenn uns selbst der Schein unseres Lichts von schwerem Geschick verdunkelt wird, dann wollen wir uns zum Licht der anderen flüchten. Dann wird es heller werden für uns und wärmer.

Und wenn andere bei uns den Glanz seines Lichtes suchen und Beistand und Hilfe brauchen, dann wollen wir uns ihrer annehmen und ihnen mit seinem Licht in unserer Hand ein wenig heller machen.

So müssen wir uns nicht fürchten. Nicht vor dem, was war, denn es lag, auch wo wir das noch nicht begreifen, unter dem Schein des Lichtes Gottes. Nicht vor dem, was ist, denn es strahlt uns sein Glanz und wir wissen, uns wird auch das Dunkle dienen müssen. Und nicht vor dem, was kommt: Gottes Licht leuchtet in dieser Welt, in dieser Zeit und es brennt fort und strahlt drüben in der Ewigkeit, auf die wir und alle, die zu ihm gehören, zugehen: