(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )
Liebe Gemeinde!
Sie kennen das Sprichwort: Schuster bleib bei deinem Leisten!?
Und dieses Wort hat ja wohl auch seine Richtigkeit. Man soll sich
lieber nicht an Dinge wagen, die einem zu hoch sind. Wie heißt
es in einem Schlagertext: "Steige niemals auf ein Pferd,
wenn du vom Reiten nichts verstehst..."
Aber solche Ratschläge haben auch eine andere, schlechte
Seite: Wer immer bei dem bleibt, was er gelernt hat, kommt auch
nicht weiter. Wer immer um das schon Bekannte kreist, entwickelt
sich nicht mehr. Wer nicht auch einmal auf ein Pferd steigt, wird
nicht Reiten lernen.
"Schuster, bleib bei deinem Leisten", wenn das Motto
unserer Gemeinde wäre, könnten wir einpacken. Entwicklung,
Wachstum und Leben innerhalb der Kirche gibt es nur, wo Menschen
Aufgaben angehen und Verantwortung übernehmen - wo sie sozusagen
den "alten Leisten verlassen" - wo sie Neues wagen.
Da gibt es freilich viele Widerstände - auch in unserer Gemeinde!
Wir haben ja unsere festen Vorstellungen, wer was machen darf
und wer auf welchen Platz gehört: Frauen mit erwachsenen
Kindern in den Frauenverein. Junge Menschen in die Kinder- und
Jugendkreise, gestandene Männer in den Kirchenvorstand, besonders
fromme Leute in den Bibelkreis...Und es scheint doch so, als liefe
alles bestens mit dieser Einteilung, dieser Rollenzuweisung. -
Ja, es scheint so, wenn nur die vielen nicht wären, die außen
stehen, untätig (nicht uninteressiert!), weil sie ihren Platz
in der Gemeinde nicht finden, weil sie sich nichts zutrauen und
weil unser Rollendenken ihnen jeglichen Schneid nimmt: Wie schwer
wird es z.B. dem jungen Mann werden, seinen Interessen an biblischen
Fragen zu folgen und in den Bibelkreis der Gemeinde zu gehen.
Dort verkehren ja, wie jeder zu wissen glaubt, nur besonders fromme
Menschen, die an Gottesdienst und Predigt "nicht genug kriegen"...
Oder: Wie soll die 30jährige in den Frauenabend finden, weiß
doch jeder, daß hier nur ältere Frauen verkehren...dürfen...
In einer Gemeinde unserer Kirche konnte man vor einiger Zeit sehen,
daß es auch anders geht. Hinreißend, mitreißend
anders! Dort leitet eine 60jährige Frau einen Kinderkreis.
Es ist der lebendigste Kinderkreis, den wir uns vorstellen können!
Zwei Mädchen aus diesem Kreis haben erzählt, sie freuen
sich die ganze Woche über auf den Nachmittag mit dieser Frau,
die doch auf den ersten Blick viel zu alt ist für die Leitung
einer Kinderstunde!: Keiner kann so toll werken, töpfern,
spielen, basteln, haben sie gesagt. Keiner hat so ausgefallene
Ideen, keiner läßt sie so "selbst machen"
wie sie und keiner kann so gut zuhören... Als diese Frau
vor Jahren anfing mit dem Kinderkreis, hätte sie von einem
solchen Erfolg nicht zu träumen gewagt. Auch sie hat davon
erzählt, wie alles anfing: Sie glaubte zuerst, das kann ich
nie. Gewiß, sie hatte einmal künstlerisch gearbeitet,
auch eigne Kinder gehabt - aber das war nun doch schon 30, 40
Jahre her. Das war ja schon bald nicht mehr wahr! Und dann hatte
sie sich auch gefragt: Wer würde denn von den Kindern mit
einer "Oma" arbeiten wollen? "Der Zug ist abgefahren!
Ich bin zu alt", so dachte sie. Hätte ihr nicht ein
Mitarbeiter der Gemeinde den herrlichen Raum für die Kinderstunde
gezeigt, der meist leerstand, hätte nicht ein Mädchen
aus der Nachbarschaft gedrängelt... Die Frau wäre heute
um eine beglückende Erfahrung ärmer. Und die Gemeinde
auch. Und wenn da auch immer wieder Leute aus der Kirchengemeinde
über die "jugendbewegte Alte" reden und spotten,
die sich mit Kindern am Lagerfeuer ein Würstchen brät
- was soll's? Vielleicht reden solche Spötter in Wahrheit
ja von der eigenen Angst - über ihren Schatten zu springen,
ihren "alten Leisten" aufzugeben, Neues zu versuchen...
Das ist nur ein Beispiel. Aber diese Ängste sind häufig
und vielfältig: Da ist die Hausfrau, die sich keine verantwortliche
Aufgabe zutraut. Da ist der Arbeiter, der im Bibelkreis gewiß
nicht wagte, den Mund aufzumachen, weil er's halt nicht so sagen
kann. Da ist einer, der mit den eigenen Problemen zu tun hat und
sich nicht mehr auf andere einlassen kann, weil er fürchtet,
ihnen lästig zu fallen.
Wie viele gute Ansätze in unserer Gemeinde mögen so
einen frühen Tod sterben, noch bevor sie zu leben beginnen.
Immer wieder heißt es doch: Dazu bin ich zu alt, zu krank,
zu jung, zu angespannt, zu ungeübt... Ich bin doch nur Laie,
nur eine Frau... Und wie viele gute Erfahrungen für die Gemeindeglieder,
für sie und uns alle, werden da doch vorschnell vereitelt
- durch die Angst: "Was werden wohl die Leute dazu sagen,
was wird wohl geredet, wenn ich als Alter mich um Kinder kümmere,
wenn ich als Hausfrau mich um fremde Sorgen schere, wenn ich als
junger Mensch in der Altenbetreuung mitarbeite..." Denn wir
haben alle Angst vor Sätzen, die uns in die angestammten
Rollen zurückverweisen: "Was will nun ausgerechnet der
da? Auf die haben die sicher gerade gewartet! Hat der das denn
überhaupt gelernt!? Die hat wohl nichts besseres zu tun!?"
Das sind unsere Ängste. Auch in unserer Gemeinde. Wie bewundern
wir da die anderen, die großen Persönlichkeiten wie
Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer, Albert Schweitzer, Mutter
Teresa... Was haben die aufgebaut, wie waren die mutig und unerschrocken.
Und wie beharrlich sind die um der Sache Christi willen bei ihrer
Aufgabe geblieben - wir könnten das nie! Und erst die alten
Propheten: Amos, Jesaja, Jeremia... Haben den Leuten angekündigt
und ausgerichtet, daß sie ins Verderben gehen, daß
sie verschleppt und vernichtet werden, haben ihnen das Unheil
gepredigt! Was für ein Auftrag! Welcher Mut, denn wer hat
das hören wollen?
Liebe Gemeinde, ob all diese Leute nicht auch mit ihren Ängsten
und Schwächen zu kämpfen hatten? Hören wir auf
den Predigttext zum heutigen Sonntag:
Textlesung: Jer. 1, 4 - 10
Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe
ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe
du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten
für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich
tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach
aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern
du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was
ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin
bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR
streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach
zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich
setze dich heute über Völker und Königreiche, daß
du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben
sollst und bauen und pflanzen.
Ob uns das Beispiel Jeremias nicht über die eigenen Ängste
hinausbringen will - und kann?! Er möchte sich selbst und
Gott davon überzeugen, daß er doch nicht der rechte
Mann für die Aufgabe ist, die Gott für ihn hat: "Ich
bin zu jung. Ich kann das nicht! Suche dir einen andern."
Gott aber kennt Jeremia besser, als der sich selbst. Von Mutterleib
an, ja, noch ehe er geboren war, ist das sein Auftrag gewesen:
Prophet zu sein, zu predigen! Wie kann er also sagen: Ich kann
das nicht? Will er Gott Lügen strafen, der ihn doch gemacht
und ihm diese Aufgabe gegeben hat?
Liebe Gemeinde, sind Jeremias Ausflüchte nicht auch unsere?
- Was ist dein Auftrag? Was möchte Gott von dir? Darfst du
dem, der dich kennt - besser als jeder Mensch - sagen: Ich kann
das nicht, ich bin zu alt, zu unerfahren, zu beschäftigt...?
Dürfen wir Gott vorhalten: "Was werden die Leute sagen,
wie werden sie über mich tratschen und mit Fingern auf mich
zeigen?"
Was hat Jeremia denn Mut gemacht, über seine Angst hinauszuwachsen?
Ob es wohl das war: Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich
bin bei dir, spricht der Herr? Ob uns das auch Mut machen kann?
Fürchte dich nicht... Gott ist dabei, wenn wir vorwärts
gehen. Er ist dabei, wenn wir den "alten Leisten" endlich
aufgeben. Er will nicht, daß wir uns in Rollen pressen lassen:
Zu alt, zu jung, zu unerfahren...
Was denken sie, wie das immer wieder war bei unseren MitarbeiterInnen
oder denen, die sich für die Wahl zum Kirchenvorstand haben
aufstellen lassen? Meinen sie, da sind immer alle gleich Feuer
und Flamme? Glauben sie, alle haben "hier!" gerufen,
als es darum ging, jemanden für die eine oder andere Aufgabe
oder das Kirchevorsteheramt zu finden? Denken sie, diese Menschen
sind immer begierig darauf gewesen, vor anderen zu stehen, zu
sprechen und gar Verantwortung für sie zu übernehmen?
Aber überwunden haben sie sich, alle, oder besser: überwinden
lassen! Wohl hieß es zuerst bei ihnen auch oft und immer
wieder: "Kann ich nicht, nicht mein Fall, zu ängstlich,
zu schüchtern, was werden die Leute sagen?" Aber wenn
es dabei geblieben wäre! Viele Menschen in unserer Gemeinde
- und auch die Betroffenen selbst - wären um viele gute Erfahrungen
ärmer; unsere ganze Gemeinde wäre nicht dieselbe!
Es ist schon so: Wir sollen wachsen - das ganze Leben hindurch.
Wir sollen die Aufträge Gottes an uns hören, wahrnehmen
und erfüllen. Wir werden immer wieder sehen und beglückend
erleben: Gott gibt die Kraft, die stärker ist als die Angst.
Ich glaube, es muß so heißen: "Schuster, verlaß'
auch einmal deinen Leisten! Laß dich nicht in eine Rolle
zwängen, du bringst dich sonst um die besten Erfahrungen.
Steig auch einmal auf ein Pferd, du wirst sonst nicht reiten lernen.Der
Gott Jeremias, der auch unser Gott ist, will uns heute Mut machen:
"Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir!"