(weitere Predigten und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/
Liebe Gemeinde!
Ein schöner Brauch, finde ich, die Sache mit der Jahreslosung! Ich weiß gar nicht, wie und wann das aufgekommen ist, über jedem Jahr ein Bibelwort auszurufen, einen Vers, der uns durch die Tage eines Jahres begleiten, uns Freude machen, erinnern, trösten oder auch wie ein Leitstern vorangehen will, je nach dem. Vielleicht hat das mit den Tageslosungen und den Wochensprüchen zu tun, die uns für jeden Tag und für jede Woche ein gutes Wort aus der Bibel bieten? Wollte man vielleicht auch dem Jahr der Christen ein besonderes Thema und Programm geben? Wie gesagt: Ich weiß es nicht, aber es ist schön! Und ein gutes Wort ist es auch, das über diesem eben begonnenen Jahr 1999 steht:
Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. Mt. 28,20
Mich hat in den letzten Tagen ein Gedanke zu dieser Jahreslosung sehr beschäftigt: Wie könnte ein Bild dazu aussehen: "Siehe, ich bin bei euch..." - Wie ich darauf gekommen bin? - Nun, zunächst ist das ja bloß ein Wort, eine Behauptung. Ein Bild zu diesem Bibelwort könnte uns vielleicht vergewissern, daß es wirklich stimmt, was hier behauptet wird.
Ein zweiter Grund für meine Frage ist dies: Es gibt sie ja schon, die Bilder zur Jahreslosung! Bestimmt vier oder fünf solcher Bildkarten habe ich in der letzten Zeit gesehen. Überzeugt hat mich keine. Da waren ein Kreuz vor dem Sonnenuntergang darauf, oder etwas ganz Abstraktes, worunter man sich nichts oder alles vorstellen kann, eine Landschaft im gleißenden Licht eines Sommertags war dabei... Alles nicht häßlich, das nicht, aber nicht deutlich, nicht so, daß man diesem Wort glauben kann und vertrauen will: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."
So habe ich mich also auf die Suche begeben: Was würde ich auf einer Bildkarte zur Jahreslosung 1999 darstellen und abdrucken? Welche Zeichnung, welches Foto, welches Motiv?
Ich habe nun aber nicht in allen möglichen Archiven oder Kunstbänden gestöbert, sondern bin einfach von diesem guten Wort ausgegangen und von der Wirklichkeit, von der es zeugt: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage..." - Wo und wie ist er denn bei uns, der hier spricht?
Mir fiel zuerst das Gebet ein. Beim Beten am Morgen oder am Abend vielleicht, kann ich meistens spüren, daß ich nicht ins Leere spreche. Wie oft ist mir beim Gebet schon klar geworden, was Gott von mir will und was ich jetzt zu tun habe. Wie oft wurde mir schon die Antwort auf eine Frage geschenkt? Wieviel Trost ging von diesen Minuten des Schweigens und der Besinnung aus? - Doch: Das würde für die Karte mit der Jahreslosung in Frage kommen: Das Bild eines Beters, einer Beterin... Da läge ein Hinweis drin, wo wir das erfahren können: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage..."
Dann kam mir aber in den Sinn, daß uns doch auch Gottes gutes Wort begleiten muß und begleiten will! Auf den vielen Hundert Seiten der Heiligen Schrift steht doch so viel Trost, soviel, was uns aufbaut, anspornt, den Weg zeigen und unserem Leben Hilfe, Mitte und Richtung geben kann! Eine aufgeschlagene Bibel wäre also vielleicht ein gutes Bild für die Losungskarte?
Nun wollen wir das - ohne zu beschönigen - ganz klar und ehrlich aussprechen: Nur noch verschwindend wenige von uns lesen täglich in der Bibel. Manche hie und da. Die meisten aber nie. Wo also trifft uns das Wort Gottes, wenn nicht in der Predigt in der Verkündigung, bei einer Andacht im Gemeindekreis, der Ansprache bei einer Trauung, Taufe oder einer Beerdigung!? Was aber soll man da für ein Bild wählen?
Dann mußte ich an die Menschen denken. Die sind wahrscheinlich auch den meisten hier zuerst eingefallen, als sie das gehört haben: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage..." Und von unseren Mitmenschen wissen wir ja auch, daß sie das Antlitz dessen tragen, der dieses Wort gesprochen hat. Denn er hat auch gesagt: "Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." (Mt. 24,40b) Er ist also auch in unseren Mitmenschen bei uns!
Wie von selbst denken wir da jetzt an unsere Lieben, die Menschen in unserer Nähe, unsere Ehegatten, unsere Kinder, die Mutter, den Vater... Als wir neulich krank waren und sie uns gepflegt haben...als wir vor Jahren ganz unten waren und uns ihr Trost und Beistand wieder so aufgebaut hat...damals als Kind, als sie immer für uns da waren mit ihrer Liebe und sie alles, wirklich alles für uns getan hätten... Ja, da konnten wir es spüren: Unsere Lieben tragen Jesu Gesicht, in ihrer Fürsorge erfahren wir, wie er sich uns zuwendet. Was er für uns ist, will und tut, haben immer wieder sie dargestellt und getan.
Aber wir müssen schon auch von der anderen Seite her denken: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage..." Wir sind auch gefragt, was wir für die anderen tun? Wieviel Trost sie bei uns finden? Welchen Halt und Beistand wir ihnen geben? Wieviel Nähe, Güte und Liebe wir ihnen schenken? Wenn Jesus von den "geringsten Brüdern (und Schwestern)" spricht, dann meint er sicher nicht zuerst unsere Familie, nicht jene, die uns ganz nah und bei denen es uns gewiß nicht so besonders schwer fällt mit der Güte, der Freundlichkeit, dem Helfen... Da müssen wir wohl auch den Nachbarn einschließen, mit dem wir im Streit leben, den Kollegen am Arbeitsplatz, der uns nicht leiden kann und dem wir immer lieber aus dem Weg gehen und auch die Asylbewerber und Flüchtlinge, die in unserem reichen Land Zuflucht suchen und die wir so ungern bei uns aufnehmen wollen, weil das Boot doch angeblich voll ist... Müßte auf unsere Karte zur Jahreslosung also nicht das Bild eines oder mehrerer Menschen, in denen dieses Wort erfüllt ist?: "Siehe, ich bin bei euch..."
Mir fiel noch mehr ein! Aber das wichtigste war wohl dies: Das Gebet, das Wort Gottes in Predigt und Verkündigung, die Menschen, die für uns da sind und wir für sie... Was ist das wichtigste von diesen drei Dingen? Was sollen wir nehmen? Gebet, Wort oder Menschen? Weil es so schwer ist zu entscheiden, lieber nichts davon? Vielleicht alles drei - da können wir nichts verkehrt machen?
Liebe Gemeinde, mir ist noch ein Gedanke gekommen: Was würden wir denn mit einer solchen Bildkarte zur Jahreslosung machen, wenn ich sie ihnen heute schenkte? Manche und mancher von uns würde sie sich vielleicht mit einer Nadel an die Wand heften. Gut. Da würde dann der Blick immer wieder einmal darauffallen. Wie lange? Ein paar Tage, einige Wochen...? Ganz gewiß aber nicht ein ganzes Jahr! Was wir an unsere Wand hängen, nimmt unseren Blick nur sehr kurze Zeit gefangen. Bald nehmen wir es gar nicht mehr wahr, würden also auch vergessen, was uns Bild und Losung sagen möchten. - Was tun?
Gebet...Wort Gottes...Menschen... Es ist vielleicht ja ganz einfach!: Sitzen wir jetzt nicht vor diesem Bild? Hier in unserer Kirche beten wir doch, halten wir Zwiesprache mit Gott, sagen ihm unsere Ängste und nennen ihm unsere Sorgen. Hier bitten wir ihn für uns selbst aber auch unsere Nächsten, hier empfangen wir Weisung, Hilfe, einen Anstoß, was wir tun sollen... Wäre also nicht unsere Kirche, unser Anblick jetzt von Altar, Kreuz, Pult und Kanzel das rechte Bild zur Jahreslosung?
Und das würde doch auch wunderbar zum "Wort Gottes" passen: Hier erreicht uns doch Gottes frohe Botschaft! Hier wird doch der Trost aus der Heiligen Schrift zu Anspruch und Stimme. Hier wird uns verkündigt, was uns angeht, uns die Richtung zeigt und das Ziel, was unser Leben rund macht und erfüllt. Sicher, das alles kann auch außerhalb dieses Kirchenraumes geschehen und geschieht wohl auch. Aber hier geschieht es ganz gewiß! Und immer wieder, jeden Sonntag, jeden Feiertag neu! Wirklich: Das wäre das richtige Bild...unsere Kirche...von innen!...Pult und Kanzel, die Orte, an denen die gute Botschaft Gottes gesagt wird.
Und die Menschen? Die sind ja auch drin in unserem Bild, jetzt und immer: Da ist die Mutter, der Vater, die Tochter, mit denen wir schon hierher gekommen sind. Da ist die liebe Nachbarin, die wir schon auf dem Weg hierher begrüßt haben. Da ist aber auch die Frau von schräg gegenüber, die wir so unmöglich finden und der Mann aus unserer Straße, mit dem wir seit einigen Jahren im Streit liegen. Und da sind auch alle die, deren Schicksal uns in der Predigt vor Augen und Ohren kommen, für die wir in der Fürbitte beten und für die auch manche unserer Kollekten bestimmt sind. So sitzen unsere "geringsten Brüder und Schwestern" hier wenigstens in unseren Gedanken und hoffentlich in unseren Vorsätzen neben uns!
Und - ja! - auch von da her wäre das ein gutes Bild für unsere Karte mit der Jahreslosung: Der Innenraum unserer Kirche, gerade so, wie wir ihn jetzt sehen: Mit dem Pult und der Kanzel, von denen wir zur Liebe und zur Geschwisterlichkeit mit allen Menschen - auch den schwierigen und fernen! - gerufen werden. Mit dem Altar und dem Kreuz darauf, vor dem wir für die fernen und nahen Nächsten bitten und an den wir beim Abendmahl treten, um uns vergeben zu lassen und Mut und Auftrag zur Versöhnung mit unseren Mitmenschen zu empfangen.
"Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende." Ja, das ist das rechte, das beste Bild, das ich auf die Karte zur Jahreslosung bringen könnte: Unsere Kirche, diesen Raum, in dem wir uns wohlfühlen und in dem wir heute und an allen Sonntagen unseren Gottesdienst feiern. -
Aber andererseits, ist das denn nicht ganz unnötig? Warum ein Bild auf eine Karte drucken, das wir doch, wenn wir nur wollen, immer wieder selbst sehen und vor Augen und Herzen haben können?
Wollen wir es also nicht so halten: Ich möchte die Jahreslosung nicht mehr durch ein Bild ergänzen. Warum denn auch? Ich will sie aber einladen, daß sie sich im gerade begonnenen Jahr 1999, immer wieder das beste, das schönste und treffendste Bild zur Jahreslosung hier in unserer Kirche ansehen. Ich wünsche ihnen dazu, daß sie an den Sonntagen und Feiertagen, an denen sie hier sind, dann auch immer wieder spüren können, daß es stimmt, was unser Herr uns zusagt: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende." Und ich wünsche Ihnen, daß sie das auch in den Zeiten dazwischen ermutigt, tröstet und ihnen Freude schenkt und die Gewißheit, daß sie nie allein sind!