(weitere Predigten und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )
(Hinweis: Die auf der Basis dieses Entwurfs ausgeführte Predigt findet sich im aktuellen 2. Archiv (zum 10.10.2010) unter 255C19_sontrin.txt bzw. 255C19_sontrin.htm)
Drei Predigtbausteine für eine Predigt:
Textlesung: Eph. 4, 22 - 32
Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; laßt die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Laßt kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
1. Möglicher Anfang:
Liebe Gemeinde!
Stellen sie sich vor, sie bekommen zum Geburtstag einen neuen Anzug, ein neues Kleid geschenkt. (Ihr Konfirmanden denkt vielleicht an eine schicke Kluft, mit der man sich auf jeder Fete sehen lassen kann.) Was machen sie damit? - Nun, sie hängen sie in den Schrank und gehen weiter in ihren alten Kleidern unter die Leute! - Nein, das neue Kleidungsstück ist nicht unmodern, im Gegenteil. Es steht Ihnen auch. Jeder würde sagen: Das paßt ja ganz großartig zu dir! Und diese Farben! - Sie aber lassen es im Schrank verschwinden und tragen lieber die alten Sachen, voller schadhafter Stellen und Flecke, farblos, ohne Form und Sitz. Seltsam, nicht wahr? Wer kann das begreifen?
Und übrigens: Ich habe auch so einen Anzug zu Hause! Ich habe ihn aber auch noch nie angehabt, jedenfalls nicht, wenn ich öffentlich auftrete, beim Gemeindefest oder beim Bunten Abend des Gesangvereins. Mein schöner Anzug hängt auch nur im Schrank. Ich lüfte ihn von Zeit zu Zeit. Aber sonst? Wirklich: Ich muß auch über mich selbst den Kopf schütteln. Was ist das doch für ein merkwürdiges Verhalten!
Wie bitte? Sie wissen nichts von einem neuen Kleid, einem neuen Anzug? (Ihr Konfirmanden meint, wenn euch doch nur jemand die flotte Kluft schenken wollte?)
Aber wir haben das doch eben alle gehört: "Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist!" Und wir wissen doch auch, wie dieses neue Kleidungsstück aussieht; wir kennen seine Farben: "Wahrheit, dem Bedürftigen geben, Worte der Erbauung". Und wir wissen sogar, warum wir dieses Kleid geschenkt bekommen haben, den Anlaß sozusagen: "Seid vielmehr gegeneinander gütig, barmherzig, und vergebet einander, wie auch Gott durch Christus euch vergeben hat!"
Wir haben also diese Kluft, dieses Kleid, diesen Anzug. Er gehört uns und paßt uns. Wir sähen gut damit aus und wir könnten ihn berechtigterweise tragen. Aber wir lassen ihn zu Hause im Schrank hängen!?
Ja, und auch heute morgen haben wir diese schönen Sachen nicht angezogen! Es ist vielmehr das alte, fleckige Kleid, das wir auf dem Leib haben, der zerschlissene Rock, die speckig-graue Hose... Eben bei der Lesung des Textes zu dieser Predigt haben wir uns in diesen alten Kleidern in Positur gesetzt, haben sie um uns gestrafft, sie am Revers oder Kragen gepackt - so als wollten wir nicht von ihnen lassen.
Die eine unter uns hat dabei den Gedanken gehabt: "Was paßt dieser alte Text doch so gut für die oder den!" Daß er vielleicht auch für sie selbst gemeint war, ist ihr nicht aufgegangen.
Ein anderer hat bei "Zorn" oder "Diebstahl" oder "faulen Worten" wieder Erinnerungen heraufgeholt an Erfahrungen mit Menschen... Vielleicht ist das ja alles überholt und abgetan und auch bei Gott vergeben? Wir aber - in unserem alten Kleid - wollen sie nicht loslassen und nicht endlich vergeben.
Noch einer hier hat bei sich gedacht: "Was hat das alles denn für einen Sinn? Hören die Leute diese Botschaft des Wortes Gottes überhaupt? Wollen sie diese Botschaft hören? Und sperre ich mich nicht auch selbst immer wieder gegen Gottes Wort, wenn es mich verändern will, mir das neue Kleid hinhält und das alte von mir nehmen will?" Der so gedacht hat, der bin ich gewesen!
2. Zum weiteren Verlauf
- Warum hängen wir eigentlich so an den alten Kleidern? Das hat wohl viel mit Gewohnheit zu tun. (Beispiele: Immer derselbe - vielleicht weitere - Weg zum Arbeitsplatz. Erst eine Baustelle läßt den kürzeren Weg entdecken. - Sitzen jetzt hier im Gottesdienst nicht auch alle immer wieder auf denselben Plätzen? Und im Bibelkreis? Bei der Vorstandssitzung? Im Seniorenclub? - Die neue Matratze im Bett mag ja gesünderes Liegen versprechen, man denkt aber noch lange voll Sehnsucht an die alte: die hatte die Kuhle an der richtigen Stelle!)
- Andererseits stürzen wir uns doch auch gern auf alles "Moderne", alles Neue!
(Beispiele: Die Werbung weiß genau, warum sie das Wörtchen "neu" so gern verwendet! - Wer fährt mit seinem neuen Auto nicht auch einmal völlig unnötig spazieren? Wer läßt es nicht seinen Nachbarn sehen, daß er einen neuen, teuren Wagen angeschafft hat? - Sehen wir an Heiligabend in der Christvesper nicht auch jedes Jahr so manchen Pelz, so manche Kette, die hier vorgeführt werden, weil sie neu sind?) - Warum also lassen wir das neue Kleid, den neuen Anzug, die schicke Kluft, die uns Gott geschenkt hat, zu Hause im Schrank verborgen?
Gut: Wir hängen an den alten Sachen. Sie sind uns vertraut, die Lüge, der Zorn, das faule Geschwätz... Aber diese Kleider sind unansehnlich, stehen uns nicht, passen nicht zu uns! Die neuen Sachen dagegen sind uns wie angemessen, bringen unseren Typ zur Geltung, sitzen wie angegossen! Und keiner kann sagen, wir wollten damit nur herausstreichen, was wir uns leisten können: Die Kleider sind uns geschenkt worden! Und den anderen auch! Keiner muß diese neuen Kleider den anderen voraushaben! Und noch etwas: "Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes!" Das muß den Schenker doch kränken, wenn wir die schönen Sachen, die er uns gibt, nur in den Kleiderschrank hängen!
- Vielleicht hilft uns ja dieser Gedanke: Wir legen alle hier dasselbe merkwürdige Verhalten an den Tag! Wir sitzen alle hier in den alten Kleidern und wollen nicht von ihnen lassen. Und so entspricht es ja auch dem Bild, das wir voneinander haben: Der hat immer das an. Die trägt immer jenes. Der hat dies oder das an sich. - Wenn wir nun alle auch gemeinsam diesen Entschluß fassen: Weg mit den alten Sachen! Zur Altkleidersammlung damit! Und her mit den neuen Kleidern, die uns Gott angemessen und geschenkt hat!: den Anzug der "Wahrheit". Den Rock der "Güte". Die Hose der "Barmherzigkeit". Die neue, weite Kluft der "Vergebung". Und haben nicht nur endlich wir den Mut, selbst diese Sachen anzuziehen, geben wir auch einander Raum und Möglichkeit, Altes abzustreifen und das Neue anzulegen. Seien wir gefaßt, daß wir einander ein völlig neues Bild abgeben. Seien wir offen für die neuen Kleider unserer Schwestern und Brüder!
3. Möglicher Schluß
Liebe Gemeinde, wollen wir das nicht einmal wirklich heute vereinbaren: Am kommenden Sonntag treffen wir uns alle wieder hier - und tragen die neuen Sachen! Wenn keiner von uns kneift, müßten wir den Mut finden! Stellen sie sich vor: Die eine in dem lichtweißen Gewand der Wahrheit! Die Empore drüben strahlte vom Hellblau der Güte! Hier und dort und vorn und hinten das Bunte der gegenseitigem Liebe. Und überall das Gold der Vergebung - der Vergebung Gottes und untereinander! Welche Pracht würde dieses Gotteshaus füllen!
Und auch ich will - wenigstens unter meinem Talar - meinen neuen Anzug tragen. Wenn ich in die Kirche komme und wenn ich hernach wieder gehe, sollen sie ihn sehen: das Grün meiner Hoffnung, daß Gott selbst die Menschen bewegen kann und verändert! Das Gelb meines neuen Muts, daß nicht umsonst ist, was ich hier im Auftrag Gottes predige. Und das Violett auch der eigenen Umkehr: Es ist kein Grund zu resignieren und zu meinen, die Botschaft Gottes käme nicht mehr an die Menschen.
Und geben wir diese Gedanken doch auch noch weiter - auch an alle, die heute nicht hier sind. Sagen wir ihnen: Ihr könnt auch endlich das alte Kleid abtun. Gott hat uns ein neues geschenkt. Laßt es nicht länger nutzlos im Schrank. Zieht es an und laßt euch damit sehen. Und zeigen wir ihnen, daß wir sie nicht länger auf die "alten Kleider" festlegen. Ver-geben wir und geben wir so dem neuen Kleid Raum!
Ich glaube fest, das wir dem "heiligen Geist Gottes" Freude machen. So wird in unserer Feier auch noch das Rot seiner Liebe kommen. Wie prächtig wird das hier in unserer Kirche werden - und auch draußen!
Bis nächsten Sonntag also, liebe Gemeinde - im neuen Kleid! - Abgemacht?