(weitere Predigten und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )
Textlesung: Joh. 4, 7 - 12
Ihr Lieben, laßt uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, daß Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
Darin besteht die Liebe: nicht, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
Liebe Gemeinde!
Sie werden nicht mitgezählt haben - aber es ist genau 15mal von "Liebe" die Rede in diesen Versen. Nun ist die Liebe ja auch eine wichtige Sache, auch und gerade für uns Christen, aber, wissen sie, 15mal! Das kommt einem ja so vor, als wollte uns einer beschwören: Liebt einander! Macht endlich wahr, was euch befohlen ist! Gott liebt euch, liebt ihr darum auch einander! -
Ich glaube inzwischen auch, das ist der Sinn dieser etwas aufdringlichen Zeilen: Sie wollen uns beschwören, zur Liebe überreden, mit 15maliger Nennung für die Liebe zueinander gewinnen.
Ist das denn nötig? Sind wir so dickköpfig, daß ein-, zweimalige Empfehlung der Liebe nicht genug wäre? - Gewiß, haben wir es hier mit einer besonderen Art von Liebe zu tun: Nicht mit der zwischen Freunden, oder zwischen Mutter und Kind oder gar der, die Eheleute zueinander hegen - sondern eben mit der Liebe von Mensch zu Mensch, die gerade wir Christen jedermann gegenüber üben sollen. Und doch scheint mir, werfen wir heute alle "Liebe" in einen großen Topf und rühren aus ihr den Einheitsbrei und der heißt: rosa Gefühle, Empfindungen füreinander, Zuneigung... Es scheint zunehmend in allen Formen der Liebe nur noch um das Herz zu gehen, zu wem ich mich "hingezogen" fühle, wer mich "anspricht", mit wem ich "auf einer Welle funke", oder aber das Gegenteil: Wer mich "abstößt", mit wem "ich nicht kann", wen ich "partout nicht leiden mag". -
Sie fragen jetzt: Aber, hat Liebe nicht auch mit dem Herzen zu tun? Ist sie nicht Gefühlssache?
Am meisten gilt das vielleicht noch für die eheliche Liebe: Natürlich ist da das Herz dabei! Und immer geht es - hoffentlich! - auch um Gefühl und Zuneigung. Aber schon da: nicht nur! Gerade wenn man sich schon Jahrzehnte kennt und liebt, ist etwas anderes zwischen den Menschen gewachsen, das ist mehr als Herz und Empfindung. Wie soll ich's nennen? Aufgabe aneinander? Zusammengehörigkeit? Treue? Verantwortung? - Wahrscheinlich ist von allem etwas dabei, jedenfalls aber nicht nur "Gefühl". Ja, das ist sogar manchmal so, daß einem das Herz befiehlt: Lauf weg, dein Gefühl für diesen Menschen ist kalt geworden, such' dein Glück woanders! Und doch bleibt man, doch hält man aus, steht das durch zusammen - aus Liebe! Und - das wollen wir nicht vergessen! - hat dann auch wieder gute und wunderschöne Zeiten zusammen!
Und genauso bei der Liebe der Eltern zu ihren Kindern und bei der Liebe zwischen Freunden: Da spricht doch nicht nur das Herz und das Gefühl! Da hat doch in der Liebe - die diesen Namen verdient! - noch ein bißchen mehr Platz als nur die Empfindung und daß man sich anspricht und hingezogen fühlt.
Und trotzdem behaupte ich: Da geht heute bei allem, was wir Liebe nennen, immer mehr verloren, was außer Herz und Gefühl eben auch zu ihr gehört. Wundern wir uns denn wirklich noch, wenn wir hören oder lesen: Markus X. hat seine Frau verlassen, weil ihm eine jüngere besser gefiel? Irgendwie haben wir uns doch daran gewöhnt, so zu denken: Wenn einem der Partner nicht mehr gefällt, nun, dann schickt man ihn weg oder macht sich selbst davon. Ist ja doch "Herzenssache"! - "Was willst du denn machen, wenn die Gefühle erkalten?"
Nochmal anders ist es sicher unter Freunden, unter Eltern und Kindern. Aber auch da müssen wir uns langsam wohl auf solche Sätze gefaßt machen: Der Freund hat ihm neulich einmal hart die Meinung gesagt, seitdem ist zwischen ihnen Funkstille. Oder solche: Die Mutter gab ihr Kind ins Heim, es war auch kein sehr begabtes Kind.
Sehr, sehr ernst und bitter, diese Worte. Ich spüre das auch. Aber ich glaube eben, von diesem Denken her, das da unmerklich Raum bei uns gewinnt, greift es auch schon in den Bereich der christlichen Liebe über! Deshalb bin ich dem Johannes dankbar für seine beschwörenden Verse:
Liebt einander, liebt euch, wie Gott jeden von euch liebt, übt Liebe, haltet an der Liebe fest! Wir haben diese Beschwörung nötig, bitter nötig! Prüfen wir uns doch einmal: Wie abhängig ist unsere Liebe zum Nächsten davon, ob dieser Nächste freundlich ist, umgänglich, nett - eben: liebens-wert? Mal ehrlich: Wie lange würden wir denn dem alten Nachbarn, der immer mürrisch, übelgelaunt und muffig ist, die Wäsche waschen oder die Besorgungen machen? Wie lange wird unsere Liebe aushalten, wenn nur unser Herz und unser Gefühl spricht?
Was aber ist es überhaupt, was diese Liebe nährt und am Leben erhält? Johannes spricht deutlich davon: So hat uns Gott geliebt, daß er seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden gesandt hat. Gottes Liebe speist unsere Liebe - und besonders die zwischen den Christen. Sie allein ist der Grund dafür, daß wir lieben können, auch wenn das Herz sich verschließen möchte, auch wenn die Gefühle kalt werden und die Empfindungen zu Asche. Gottes Liebe ist immer zuerst - dann - und nur dann! - können wir auch lieben. - Freilich ist es nicht genug, von Gottes Liebe zu reden. Man muß sie spüren, begreifen! Sonst geht von ihr keine Kraft für uns aus. Spüren kann sie der, dem einmal ganz klar geworden ist, daß er selbst auch nicht der liebreizende Mensch ist, für den er sich immer gehalten hat. Du und ich - so armselig wir auch sind, so gefangen in unserem Hochmut und Dünkel, unserer Geldgier, unserem Neid und Geiz, all unseren Eigenheiten und unseren bösen Gedanken - wir sind Gott seinen Sohn wert. Er läßt ihn leiden und sterben - für uns.
Und begreifen kann diese Liebe nur der, dem einmal das falsche Bild kaputtgegangen ist, das er von sich hatte und anderen vormachen wollte: Du und ich - wir sind nicht die makellosen Christen, die ach so guten Nachbarn, die freundlichen Zeitgenossen - wir haben alle unsere dunklen Stellen auf der Weste, die vorgeblichen Lücken im Gedächtnis, den Dreck der Vergangenheit am Stecken... Und eben doch - doch! - liebt uns Gott! Wenn das kein Grund zur Freude ist und - zum Weitergeben der Liebe, nicht aus Herz und Gefühl!, sondern aus Dank!
Ich will das einmal so ausdrücken: Gott hegt keine Gefühle der Zuneigung für uns! Wir haben ihn mit unserem ewig auflehnenden Wesen oft erzürnt, wir haben ihn verspottet, abgeschoben, in den Herrgottswinkel unseres Lebens gestellt - und wir haben ihn seinen Sohn gekostet, das liebste, das er hatte. Nein, Gottes "Herz" schlägt nicht für uns! Aber er liebt uns, das ist etwas anderes! Um Christi willen, läßt er von dem Zorn ab, den wir noch und noch verdient haben. Um Christi willen, hält er in Treue und Hilfe zu uns. Um Christi willen, schenkt er uns - so seltsam das jetzt auch klingt - sein Herz und sein Gefühl. Aber gewiß nicht um unserer selbst willen!
Gottes Liebe allein ist Grund unserer Liebe: Hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben, sagt Johannes. Wir müßten unabhängig werden vom schönen oder häßlichen Gesicht unseres Mitmenschen. Wir müßten die Fehler und Schwächen ertragen lernen und selbst seine Schuld uns und anderen gegenüber vergeben - Gott tut das mit uns genauso! Wir müßten in der Liebe für jeden da sein können, den uns Gott vor die Füße legt, gleich, ob er nach menschlichem Ermessen unsere Liebe "verdient" hat - wir haben Gottes Liebe allemal nicht verdient! Und wir werden dann alle unsere Überraschungen erleben: Geliebte Menschen, Leute, die durch uns Liebe empfangen, sind nämlich auch dankbare Menschen. Da kommt gewiß auch etwas zurück, wenn andere spüren, der verschenkt sich, der gibt sich, der liebt mich - um Christi willen!
Wir sagen immer gern: Du mußt die Menschen "um ihrer selbst lieben"! Mir gefällt dieser Satz nicht. Ich glaube, das kann keiner wirklich. "Um seiner selbst willen", ist eine Illusion, die wir uns vormachen. "Um seiner selbst willen", wird uns jeder Mensch, früher oder später enttäuschen. Es gibt den Menschen nicht, der fehler- und makellos die Liebe der Mitmenschen verdiente. Um seiner selbst willen, wird unsere Liebe zum Nächsten nicht kräftig bleiben, sondern irgendwann sterben. Deshalb heißt es: Darin besteht die Liebe, daß uns Gott geliebt hat...! Um seines Sohnes Jesu Christi willen, liebt uns Gott. Um Gottes Liebe willen, können wir einander lieben - und nur darum! Dank für die unverdiente Liebe Gottes ist der Grund und der Antrieb unserer Liebe zum Nächsten. Dank wird auch unser Nächster für unsere Liebe empfinden. Das wieder wird uns Freude machen und unser Herz warm machen und unser Gefühl ansprechen. So schließt sich der Kreis der Liebe.