Predigt am Sonntag „Trinitatis"

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Textlesung: Röm. 11, 32 - 36

Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?« (Jesaja 40,13) Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß Gott es ihm vergelten müßte?« (Hiob 41,3) Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde!

Paulus möge mir verzeihen, aber das ist eigentlich ein ziemliches Gestammel, was er hier von sich gibt. Oder haben sie das verstehen können...beim ersten Hören? Und wenn man es zweimal liest, wird"s auch nicht klarer. Man vermißt den roten Faden in diesen Versen: "Tiefe des Reichtums", "Erkenntnis Gottes", "unerforschliche Wege", "Ratgeber", "Vergeltung", "Ehre"... Von vielem wird gesprochen, aber wenig wird gesagt. Man meint, der Apostel spricht stockend...wie von einem Rätsel...von Dingen, die ihm unklar sind...die er nur anbeten kann...

Ich lasse mich heute einmal von dieser äußeren Form der Verse anregen: Irgendwie will Paulus eine Tiefe ausloten, von der man nichts mehr Genaues weiß, schon gar nichts Genaues sagen kann. Mit der "Weisheit" und "Erkenntnis" Gottes hat es zu tun, und mit seiner "Ehre". Ich mußte über diesem "Stammeln" von diesen Dingen an mein eigenes Staunen denken, das mich immer befällt, wenn ich den Verlauf meines Lebens betrachte, welche Wege und Umwege es genommen hat, wohin es mich geführt hat.

Vielleicht spreche ich ja jetzt für Einige hier, wenn ich einmal laut denke: Wie hatte ich mir mein Leben gedacht, als Jugendlicher, damals, als ich zum eigenen Denken kam? Ich wollte etwas ganz anderes werden! Geplant war ein völlig anderer Beruf. Auch die Interessen waren gänzlich anders gerichtet - vor 30 Jahren. Ich war mit Menschen befreundet, die mir heute nichts mehr geben können. Ich habe Menschen abgelehnt, die ich heute gern als Ratgeber oder Vertraute hätte. In manchem habe ich eine Drehung um 180 Grad gemacht. Meine ganze heutige Lebens- und Denkweise hätte ich selbst damals nicht für möglich gehalten. Schon gar nicht hätte ich geglaubt, daß ich darin zufrieden, ja, glücklich sein könnte! Wenn sie etwas Ähnliches erlebt haben in ihrem Lebenskreis, dann werden sie nicht sagen: Das ist halt die normale Entwicklung, die man nimmt, wenn man erwachsen wird und seinen Platz in der Welt erobert. Da ist noch etwas anderes. Da ist noch ein anderer! "Der Mensch denkt - Gott lenkt", so weiß es der Volksmund. Ich muß immer wieder staunen, wenn ich in diese Sicht meines Lebens gerate. Und ein bißchen glaube ich Paulus dann zu verstehen, wenn er so stammelt: "O welch eine Tiefe des Reichtums...der Weisheit und der Erkenntnis..., wer hat des Herrn Sinn erkannt, wer ist sein Berater gewesen..., ihm sei Ehre in Ewigkeit!"

Was können uns Verse geben, die wir nicht ganz begreifen? Liegt ein Sinn darin, nur stockend von der Weisheit Gottes zu reden? Ich denke schon! Der Sinn liegt sozusagen noch vor diesen Worten. Wenn es Paulus gelänge, uns in die Gedanken zu führen, aus denen heraus er dann schreibt, dann wäre der Zweck seiner Verse erfüllt. Und anders: Wir müßten Staunen lernen wie er, dann würden wir ihn ganz verstehen...selbst wo er stammelt!

Genug mit der Klügelei. Paulus hat gewiß die Geschichte Jesu im Kopf, wenn er von Tiefe der Weisheit spricht: Wäre es einem Menschen je eingefallen, mit Liebe die Herzen zu gewinnen? Wäre ein Mensch je auf den Weg getreten, den Jesus in dieser Welt leibhaftig geht? Den Weg der Ohnmacht, des Verzichts, des Leidens und Sterbens - für andere? Wir kennen doch immer nur die Macht, das Durchsetzen der eigenen Interessen, das Recht des Stärkeren. Selbst jetzt - da wir doch Jesu Beispiel gesehen haben - fällt es uns schwer, in seiner Spur zu bleiben. Selbst wir - die doch nach ihm heißen - haben unsere liebe Not mit der Nachfolge. Dabei müßte das doch leicht sein, leichter allemal, als ohne Vorbild, ohne sein Beispiel den unteren Weg zu gehen - wie Jesus das mußte! - Welche Tiefe der Weisheit! Und Paulus denkt gewiß voll Staunen an die Geschichte der ersten Christen nach Tod und Auferstehung des Herrn: Wie aus einem Häuflein verschreckter Jünger an Pfingsten die erste Gemeinde wird, wie bald schon Tausende sich taufen lassen, wie dieselben, die Jesus ans Kreuz geschlagen haben, nun seine eifrigsten Diener werden, wie schließlich er selbst vom Christenhasser und Verfolger zum 12. Apostel wird, vom "Saulus zum Paulus". Und auch hier kann der staunende Betrachter nur ins Stammeln geraten: Welche Tiefe der Erkenntnis! Wer hätte das je erträumt, daß Jesu Vorbild solche Nachahmung findet? Welches menschliche Gehirn hätte das für möglich gehalten, daß ein neuer Glaube ohne Zwang und ohne Waffengewalt das römische Weltreich und seine Götter besiegt - allein durch die Macht der Liebe!? Wirklich: Welch eine Tiefe der Weisheit... wer ist Gottes Berater gewesen...welcher Mensch könnte solche Gedanken haben? Und gewiß denkt Paulus auch an seine ganz persönliche Geschichte mit Gott. Wie er aus einem Christenjäger zum Bekenner Christi geworden ist. Er, der die Anhänger des Gekreuzigten selbst dem Kreuzestod überantwortet hat, wird der größte Missionar des Herrn, den er haßte und verfolgte. Wie muß ihm das selbst vorgekommen sein? Ist "Staunen" dafür das richtige Wort? Wundern wir uns, wenn er stockend spricht angesichts dieser "unerforschlichen Wege Gottes"?

Und denken wir doch jetzt auch einmal an unsere Geschichte mit Gott und seiner Sache - wir tun es viel zu selten! - : Wie oft schon war der Umweg, den wir beklagt haben, der kürzeste Weg zum Ziel? Wieviele Male haben wir schon geweint und geschriehn vor Schmerz und Kummer - und am Ende war es gut so, wie es war. Und auch umgekehrt: Wieviele Pläne, die wir hatten, haben sich erfüllt; es lief alles nach Wunsch und doch waren wir am Ende nicht zufrieden, hätten uns erhofft, ein anderer wäre stärker gewesen als wir, hätte unsere Pläne durchkreuzt und uns vor dem bewahrt, was wir nun angerichtet hatten. Der Mensch denkt - Gott lenkt! - wenn er uns nur nicht manchmal das Lenken überließe! Wenn wir Gott nur das Steuer unseres Lebens übergeben würden! Dann könnten wir auch nur staunen und sprechen: Welche Tiefe der Erkenntnis! Welche Weisheit!

Liebe Gemeinde, sie spüren das ja auch: Wir geraten über diesen Gedanken nicht nur ins Staunen, sondern in eine Sackgasse! Wer lenkt denn nun unseren Lebenswagen? Wer sitzt denn da am Steuer? Gott? Wir selbst? Wo bliebe dann unsere menschliche Freiheit der Entscheidung? Und es ist doch eigentlich alles ganz einfach: Dem Staunenden nämlich löst sich das Rätsel! Wer - wie Paulus - über der erfahrenen Weisheit Gottes ins Stammeln gerät, dem klären sich die Gedanken. Wer soll denn anderes meine Lebensbahn bestimmen als mein Gott, mein Vater im Himmel, der mich liebt, der den besten Weg für mich weiß und der seinen Plan mit mir hat? Und: Ist mir das denn wirklich eine Frage? Weiß ich nicht längst, daß er es ist? Wußte ich es nicht an so vielen Stationen meiner Lebensreise?: Das war Gottes Hand! Hier hat er mir geholfen, da die Richtung gezeigt oder auch einmal den Weg versperrt. Und doch, war ich nicht auch frei? Konnte ich nicht, wenn ich wollte, mein Leben selbst anpacken? War mir nicht jede Richtung offen, auch die, meinem eigenen Willen zu folgen? Und auch das habe ich doch erfahren, ganz konkret an vielen Stellen meiner persönlichen Geschichte: Hier bin ich vom guten Weg abgekommen, da habe ich meinem eigenen Antrieb gehorcht und dort ging"s gar mit dem Kopf durch die Wand. Und kein Gott hat mich gehindert. Er hat mir meine Freiheit gelassen. Ich saß selbst am Steuer. Und ich hätte doch IHM hinterher so gern die Verantwortung zugeschoben!

Doch, man kann diese Gedanken vernünftig zusammenbringen. Und noch mehr im gelebten Leben! Gott lenkt - wenn wir das wollen. Und wir sind frei, ihm das Regiment zu geben oder es in unsere eigene Hand zu nehmen. Wer Gott voll Vertrauen den Kurs und das Ziel bestimmen läßt, der fährt nicht unbedingt leicht, aber sicher - und er kommt an! Unterwegs wird er immer mehr ins Staunen geraten, wie aus Schwierigkeiten und Pannen schließlich gute Entwicklungen werden, wie der zeitraubende Bogen, den wir machen, dann doch die beste, die richtige Straße für uns war. Und noch eines wird uns auf dem Weg mit Gott geschenkt: Wir lernen auch immer fester vertrauen, daß es mit ihm gut fahren ist, daß er doch - auch wenn wir ihn nicht sehen - hinter allem Schönen und auch Schweren steht, das uns begegnet. Die erlebten Erfahrungen unserer vergangenen Lebensgeschichte, all die Führungen und Fügungen Gottes, wollen es uns leicht machen, ihm auch in der Zukunft voll Vertrauen das Steuer zu überlassen. Geben wir Gott doch bei uns das Regiment! Es ist das beste für uns. Es mag dann freilich sein, daß wir ins Stammeln geraten - wie Paulus:

2. Textlesung: Römer 11, 32 - 36

Die Predigt wurde gehalten von Pfr. Manfred Günther, Lohgasse 11, 35325 Mücke/Groß-Eichen