Predigt am "Gründonnerstag"

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: 1.Kor. 11, 23 - 26

Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot,dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext heute abend sind die Worte der Einsetzung: ,,Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot..." Es gibt sicher wenige Worte, die sie so gut kennen wie diese. Auch nachher werden wir sie wieder hören, wenn wir am Tisch des Herrn stehen und Brot und Wein empfangen. Darum möchte ich über etwas anderes sprechen, was aber doch gar nicht so weit weg ist vom Mahl unseres Herrn, vom Empfang der Gaben, Brot und Wein...und vor allem: von der Gemeinschaft an seinem Tisch. Mir ist da etwas aufgefallen. Keine große Erkenntnis, aber eine tröstliche, wie ich finde. Auch das wissen wir alle, aber wir haben vielleicht noch nie darüber nachgedacht. Andererseits ist es ein so guter, wichtiger Gedanke, daß wir unbedingt einmal darauf aufmerksam werden sollten. -

Aber ich spreche in Rätseln. Darum: Jetzt deutlich und klar und der Reihe nach: Heute ist der Abend des letzten Mahls Jesu mit seinen Jüngern. Wenn wir uns darauf besinnen, was wir dazu wissen und welche Vorstellungen wir haben, dann werden uns bald Bilder vor unser inneres Auge treten:

Vielleicht sehen wir die Abendmahlsszene vor uns, wie Leonardo da Vinci sie in der Sixtinischen Kapelle gemalt hat? Das ist sicher die bekannteste. Oder wir haben dazu ein Bild aus unserer eigenen Phantasie. Auf jeden Fall, so glaube ich, sehen wir Jesus mit den 12 Jüngern an einem großen Tisch sitzen, zusammen essen und trinken und Jesus spricht die großen, bekannten Worte: "Das ist mein Leib; das ist mein Blut..." Und irgendwann - während das Mahl noch in vollem Gange ist, offenbart er den anderen den Verräter. Judas springt daraufhin auf und verläßt die verschreckte Versammlung, um bei den Hohenpriestern den Verrat vorzubereiten, den er nur eine Stunde später begehen wird.

So oder ähnlich werden die Bilder sein, die uns allen dazu einfallen. Und so wird es ja auch gewesen sein, so oder so ähnlich. Was wir nun aber nicht sehen und vielleicht auch nicht wissen: Die Schar der Jünger war längst nicht mehr der verschworene Haufen, für den wir ihn in unseren Vorstellungen immer halten! Bei diesem letzten Mahl ging der Riß schon mittendurch! Und nicht nur zwischen Judas und den anderen. Bei ihm zeigt es sich nur zuerst und am krassesten. Er war sogar bereit, Jesus an den Galgen zu bringen. Aber im Stich zu lassen, dazu waren alle anderen auch fähig! Denken wir doch nur an die Stunde im Garten Gethsemane, die gleich nach dem Abendmahl kommen wird. Sie schlafen und sind nicht in der Lage, auch nur ein paar Minuten mit ihrem Herrn zu wachen, der sich zu Tode ängstigt. Und was war mit den übrigen? Die haben es nicht einmal für nötig gehalten, jetzt in der Nähe ihres Meisters zu bleiben, der ihnen doch deutlich genug gesagt hatte, daß er sterben muß: "Das ist mein Leib, für euch gegeben, mein Blut, für euch vergossen." Beim Verrat schließlich machen sich alle davon, Petrus eingeschlossen. Er folgt dann zwar - wie wir hören - in angemessenem Abstand. Aber er verleugnet dreimal im Hof des hohenpriesterlichen Palastes: Ich kenne diesen Menschen nicht! Am Ende ist Jesus ganz allein. Die Eintracht am Abendmahlstisch trügt also. Kaum eine Stunde später hat sich die Gemeinschaft aufgelöst, total - und wäre Jesus nicht auferstanden und hätte seine Leute wieder gesammelt - auch endgültig!

Warum erzähle ich das und betone das so? Will ich unsere zu schönen Kopf-Bilder zerstören? Geht es mir darum, der Wahrheit zu dienen und schonungslos aufzudecken, was doch so nicht war, wie wir es uns ausmalen? Ich will weder das eine noch das andere. Ich will unsere Bilder nur ein wenig zurechtrücken, daß sie diesen Trost zeigen, der in ihnen liegt. Und ich will die Wahrheit nur insoweit aufspüren, daß uns ein Gedanke dazu einfallen kann, der uns hilft. Die Jüngerschar, die mit Jesus ißt und trinkt und sich zum Passahfest versammelt hat, war eine verängstigte, aufgescheuchte Schar. Der Schein der Einheit und Gemeinschaft wird nur mühevoll - äußerlich! - gewahrt. Heißt das nicht für uns?: Wir müssen gar nicht die vollkommenen Leute sein, die wir in seiner Nähe so gern wären. Wir dürfen zu ihm kommen - ganz konkret: an seinen Tisch treten - auch wenn wir unsicher sind, voll Angst und in Zweifeln, ob wir denn würdig sind bei ihm und mit ihm das Mahl zu halten. Jesus hat mit diesen Jüngern, diesen sehr fragwürdigen Leuten, gegessen und die Gemeinschaft seines Tisches geteilt. Ja, er sagt diesen zweifelhaften Leuten zu, daß er für sie sterben wird! Ist dann also nicht auch für uns Platz an seinem Tisch? Und wird er dann uns fortschicken?

Schon manchesmal haben mich Menschen aus der Gemeinde angesprochen und dies oder ähnliches gesagt: Aber ich kann doch nicht zum Abendmahl gehen oder zum Bibelkreis oder dergleichen, ich bin doch gar nicht so gläubig, so makellos, so gut und fromm...und was die Menschen sonst noch sagen. Sehen wir doch, wer mit Jesus das Abendmahl hält, damals. Ja, er wird für diese Verleumder und Verräter, diese Angsthasen und Schwächlinge ans Kreuz gehen! Warum sollten wir also nicht an seinen Tisch treten dürfen? Und warum sollte für uns kein Platz sein dort, wo seine Leute sonst zusammenkommen und Gemeinschaft haben? Und meinen sie doch bloß nicht, heute wären in seiner Umgebung bessere Menschen, frömmere oder auch nur gläubigere! Wir sind alle vor ihm nicht besser als dieser armselige Haufen am Tisch des letzten Mahls - aber wir sind auch nicht schlechter!

Und noch ein zweiter Gedanke liegt ja darin. Der ist vielleicht sogar noch trostreicher! Mit diesen Versagern, die, kaum daß der letzte Schluck Wein getrunken ist, in alle Richtungen davonlaufen werden, baut Jesus doch nach Ostern seine Gemeinde! Er gibt ihnen Aufgaben, er vertraut ihnen seine Sache an - zum Beispiel Petrus: ,,Weide meine Schafe!" Aus der elenden Schar, die Zweifel und Angst in alle vier Winde zerstreut hat, wird seine Kirche, die bis heute gehalten hat und bis zum jüngsten Tag halten wird. Es sind also doch gar nicht die Starken, die besonders Gläubigen und in Jesu Sache Gefestigten, die er zu sich ruft und brauchen kann. Er will die Schwachen bei sich haben, die voll Angst sind und sich nichts zutrauen. Es heißt ja schließlich auch, daß er als Arzt zu den Kranken gekommen ist und nicht zu den Gesunden. Und er hat gesagt: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken." Darum: Gehen wir hin zu ihm, er wartet schon auf uns, ja, gerade auf uns! Vielleicht begreifen wir an diesen Gedanken heute auch, daß es gar nicht darum geht, was wir aus uns machen, sondern was er aus uns machen kann und will. Bei ihm - wenigstens bei ihm! - ist das anders als sonst in der Welt: Er will nicht die Macher, die ihr Leben in der Hand haben und es kraftvoll gestalten. Er ruft die Schwachen, die Kleinen, die Ohnmächtigen, die Elenden, die Verunsicherten, die Zweifler und Hasenfüße. Mit ihnen hat er damals angefangen. Mit ihnen baut er noch heute an seinem Reich. Mit uns, mit dir und mir.

Mir ist auch noch ein Bild zum Abendmahl eingefallen. Es hängt über dem Altar eines Dorfes in Oberhessen (Freienseen). Es zeigt die Jünger und Jesus - aber auf ganz ungewöhnliche Weise. Sie schauen alle auf vom Abendmahlstisch, an dem sie gerade sitzen. Sie schauen in Richtung des Betrachters. Jeder, der dort an den Tisch des Herrn tritt, um Brot und Wein zu empfangen, wird dieses Bild aus der Nähe sehen. Und er wird angeschaut von den Jüngern und von Jesus. Und wenn er dann genau hinsieht, dann wird er erkennen: Mitten drin in dieser gemalten Tischgesellschaft ist ein Platz freigelassen. Es ist, als schauten sie also nach dem aus, der an den Altar tritt und als wollten sie ihm sagen: Hier ist noch frei für dich. Komm hier an den Tisch Jesu, hier ist dein Platz! Ein gutes Bild, finde ich. Ein treffendes auch. Wir passen in die Gesellschaft dieses Tischs. Wir sind nicht zu schlecht und nicht zu gut. Wir sind eingeladen und gerufen. Ein Platz für uns ist frei. Jesus wird Menschen aus uns machen, die er brauchen kann, um seine Gemeinde zu bauen.

Die Predigt wurde gehalten von Pfr. Manfred Günther, Lohgasse 11, 35325 Mücke/Groß-Eichen