Predigt zum "2. Sonntag nach Epiphanias"

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Röm. 12, 4-8.9-16

Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und  haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern. Die Liebe sei ohne Falsch. Haßt das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

 Liebe Gemeinde!

Diese Worte des Paulus haben mir heute gut gefallen! Ein Leib - viele Glieder... Das ist das biblische Bild für die christliche Gemeinschaft. Und ich finde, über Gemeinschaft in unserer Gemeinde lohnt es sich wieder einmal nachzudenken. Und besonders über gelungene Gemeinschaft, denn die suchen wir doch alle unter dem Dach der Kirche. - Aber wie gelingt Gemeinschaft in der Kirche und ist sie überhaupt noch zeitgemäß?

Denken wir einmal an unsere Gottesdienste und dabei an jene, die besonders viel Wärme ausstrahlen, vielleicht solche wie wir sie in der letzten Advents- und Weihnachtszeit erlebt haben. Sie sind immer gut besucht. Und es kommen dazu auch Menschen, die ansonsten nicht zu den ganz großen Kirchgängern gehören. - Der Gottesdienst ist die Versammlung der christlichen Gemeinschaft. Und wenn es darin menschlich, fröhlich und ansprechend zugeht, dann können sie ganz offenbar auch heute noch die Menschen unserer Zeit unter das Wort Gottes bringen.

Auch andere Veranstaltungen unserer und anderer Gemeinden, Kreise und Gruppen, Freizeiten, Gemeindefest und Bibelabende werden gern angenommen, ja, sie erfreuen sich steigender Beliebtheit. Überall da trifft man sich und kann Gemeinschaft erleben.

Und ich könnte noch einige persönliche Beispiele hinzufügen, die alle dafür sprechen, dass nach Jahren, in denen man sich mehr in seine Vierwände und ins Private zurückgezogen hat, jetzt eine Zeit der Gemeinschaft angebrochen ist. Die Menschen haben ganz offensichtlich gemerkt: Da kann mein Heim noch so schön ausgestattet sein, da kann ich mit dem Computer, aus dem Internet, mit Schüsselfernsehen und Video noch so gut unterhalten werden - auf die Dauer fehlt mir etwas, wenn ich nicht mit Menschen zusammenkommen, wenn ich nicht mit anderen reden, singen, lachen oder etwas erleben kann. Und das kann man in der Gemeinschaft unserer Kirche (- und in unserem Dorf). Und da will ich heute einmal ein paar Anregungen geben und aufnehmen und so predigen, dass diese Gemeinschaft (im Dorf und) in Kirche noch ein wenig gestärkt wird. Die Worte des Paulus sollen mir dabei helfen, denn hier haben wir einen Katalog der Gaben und Maßnahmen, die wir einbringen und ergreifen können, dass es wieder und mehr und mehr so wird, wie es dieses Bild beschreibt: Ein Leib - viele Glieder...

Also noch einmal, so lesen wir bei Paulus: Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern. Die Liebe sei ohne Falsch. Haßt das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist.

Liebe Gemeinde, ich spüre das genau so wie sie! Das erscheint uns alles doch arg hoch gegriffen! So, als wollten wir gleich mit dem Meisterstück anfangen, wenn wir noch nicht einmal Gesellen sind. Oder so, als sollten wir ein Konzert geben und hatten das Instrument doch erst ein paar Mal in Händen.
Es fehlt uns ja oft an den einfachsten Voraussetzungen für die Gemeinschaft mit anderen. Wir tun uns schwer damit, überhaupt Kontakt aufzunehmen und zu halten. Es ist doch so, als hätten wir inzwischen fast die einfachsten Regeln für das Zusammenleben mit anderen verlernt, so lange haben wir sie nicht geübt. Ich will darum heute erst einmal über diese Grundregeln sprechen, die wir uns wieder aneignen müssen, um am Ende - als fernes Ziel - das zu erreichen: Ein Leib - viele Glieder. Und ich will das ganz praktisch tun mit Beispielen aus dem wirklichen Leben:

Eine Grundvoraussetzung für die Gemeinschaft scheint mir die Toleranz zu sein. Gewiß, mein neuer Nachbar hat einen anderen Lebensstil als ich. Vielleicht sieht sein Vorgarten nicht so gepflegt aus wie meiner. Auch die Kinder erzieht er völlig anders als ich, und er legt offenbar auf Dinge wert, die mir nichts bedeuten und schätzt das gering, was mir wichtig ist. Er sieht sich vielleicht lieber die Welt an, als für das Alter zu sparen. Er tut in seiner Freizeit Sachen, die ich für ziemlich überflüssig halte. Aber wäre es denn nicht möglich, daß ein Kontakt mit ihm auch mich bereichert, mir vielleicht neue Einsichten, neue Freude schenkt? Und gibt es denn nicht vielleicht Bereiche des doch so weiten und bunten Lebens, in denen wir uns verstehen und uns gegenseitig austauschen könnten? Sind diese Bereiche nicht vielleicht viel größer als jene, in denen es nicht klappt mit uns?

Eine zweite Voraussetzung für das Leben in der Gemeinschaft ist für mich, daß wir den Neid und das Konkurrenzdenken aus unserem Kopf und unserem Herzen verbannen! Sicher singt einer schöner als ich, dafür spiele ich besser Gitarre. Eine bekommt die professionellere Torte hin, dafür kann wieder eine andere besser Kochen. Einer hat wirklich sein ganzes Haus selbst gebaut, dafür kann ein anderer sich mündlich und schriftlich gewandter ausdrücken. Warum nun darüber neidisch werden? Warum konkurrieren? Gott hat uns alle Gaben überhaupt nur für einander geschenkt! Sie bekommen erst ihren Sinn in der Gemeinschaft! Ich singe doch nicht für mich allein! Die Torte mache ich doch für eine Geburtstagsgesellschaft. Und gerade die Gabe des Redens macht es deutlich: Ich spreche nur für und vor anderen, sonst könnte ich gut schweigen. Jeder und jede kann etwas anderes. Keiner ist ganz unbegabt. Warum also mit unseren Gaben untereinander in Konkurrenz treten? Lassen wir sie doch das große Ganze bereichern! Haben wir doch alle Freude an dem, was Einzelne können!

Eine dritte Regel ist diese: Gemeinschaft ist nicht nur Nehmen, sie ist immer auch Geben! Wenn eine immer nur dienen soll in der Familie, dann wird sie irgendwann ausgebrannt sein und den Kram hinschmeißen. Wenn einer im Verein alle Arbeit aufgehalst bekommt, dann wird ihm eines Tages alles zuviel werden, und er wird sich fragen: „Warum eigentlich immer ich? Jetzt sind die anderen einmal dran.” Und wo mein Nachbar immer nur von mir leiht und fordert und nicht einmal danke sagen kann, da werde ich einmal genug haben und jeden Kontakt abbrechen. Es mag ja sein, daß wir uns in unserer Konsumgesellschaft sehr daran gewöhnt haben, daß uns alles, wenn wir es bezahlen, wie selbstverständlich getan wird und auf Knopfdruck ins Haus kommt - was Beziehung und Gemeinschaft angeht, da ist es nicht so! Wer ein Stück von sich selbst hergibt, sei es Zeit oder Liebe, Mühe oder Einsatz, der hat auch ein Recht, daß wir ihm ein Stück von uns zurückgeben und auch einmal Danke sagen. 
Und noch eins - gewiß noch nicht das letzte - fällt mir hier ein, das müßten wir unbedingt auch noch lernen, wenn wir die Gemeinschaft unter uns zurückgewinnen und stärken wollen: Daß wir uns nämlich mit unserer Kritik etwas mehr zurücknehmen und bei allem, was andere für die Gemeinschaft leisten, das Schöne, das Gelungene und die gute Absicht würdigen und anerkennen! Eine Rede, die der Vereinsvorsitzende hält z.B. wird doch nicht gleich zu einer schlechten Sache, nur weil er hin und wieder „äh“ sagt oder eine Kunstpause macht! Solche oder ähnliche Kleinigkeiten, lächerliche Lappalien allerdings werden oft genug aufgebauscht und führen dazu, daß jene, die berhaupt etwas tun und schaffen für die Gemeinschaft, alle Lust daran und alle Bereitschaft dazu verlieren.

Liebe Gemeinde, zuletzt noch dies: Ich weiß, daß es oft genug auch uns, die wir predigen, heißt:: „Was will denn der! Soll der doch erst einmal vor seiner eigenen Tür kehren.” Darum ausdrücklich: Ja, das soll er! Und das will er gewiß auch. Alles, was ich z.B. heute hier oben gesagt und beklagt habe, betrifft mich ganz genau wie jeden und jede andere hier. Davon also wollen wir uns auch nicht den sicher nötigen Vorsatz nehmen lassen, uns wieder mehr in den genannten Grundregeln der Gemeinschaft zu üben. Ob es nun der Neid ist, an dem wir kranken, ob wir gern Mücken zu Elefanten machen oder daran leiden, daß wir in unseren Beziehungen immer mehr die sind, die nehmen und empfangen... Alles betrifft uns alle - mehr oder weniger. Und es ist ganz gewiß gut und hilfreich für uns alle, wenn wir uns einmal prüfen und dann ändern. Die Gemeinschaft ist ein zu kostbares Gut, als daß wir sie gefährden oder gar sterben lassen dürfen. Und wenn sie klappt, dann schenkt uns das eine zu große Freude, als daß wir darauf verzichten dürften! - Üben wir uns zunächst in den Grundregeln - später wollen wir sehen, ob wir auch noch weiter kommen...