Predigt am Altjahrsabend     -     31.12.1997

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

(zu Röm. 8, 31 - 39)

Liebe Gemeinde,

ihr werdet ähnlich fühlen und denken, fürchten und erwarten, hoffen und ersehnen wie wir. Ich glaube auch, daß ihr heute hierher gekommen seid, weil ihr nicht die besten Erwartungen habt und weil das mit der Hoffnung an der Schwelle des nächsten Jahres schwierig ist. Da tut es einfach gut, hier in Gottes Kirche zusammenzukommen, zu beten, zu singen, die Nähe Gottes und die Gemeinschaft mit anderen zu empfinden, die ja ähnlich fühlen und fürchten wie wir selbst. Was sind das für Ängste, die uns beunruhigen, die uns das Herz verkrampfen und schwer machen und uns den Schlaf rauben? Nun, so viele Menschen heute abend hier sind, so viele Ängste werden es auch sein. Vielleicht noch mehr! Einige aber teilen die meisten von uns. Einige haben wir gar alle gemeinsam. Wir können nicht über alle unsere Ängste sprechen, aber wir wollen ein paar davon nennen und betrachten und dann etwas dagegen tun. Wir wählen dabei solche Ängste, die wir wohl alle haben: Da ist die Angst, nichts oder nichts mehr leisten zu können, unnütz zu sein, keinen Wert zu haben. Bei den ganz Jungen fängt es damit an, daß sie keine Lehrstelle finden und wenn, dann in einem Beruf, den sie keinesfalls angestrebt haben. Bei denen in den mittleren Jahren ist das verbunden mit der Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren - und diese Furcht ist ja inzwischen auch in unserer Region nur zu begründet. Für die Älteren mag das heißen: Das Leben nicht mehr allein bewältigen zu können. Auf die Kinder, die Enkel, die Verwandten, die Nachbarn oder die Gemeindeschwester angewiesen zu sein. Bald gar nichts mehr im Haushalt helfen zu können. Der Pflege bedürftig zu werden und den Mitmenschen nur noch eine Last. Und wie eine dunkle Schwester steht die andere Angst daneben: Die vor der Einsamkeit. Wenn niemand mehr nach uns fragt, weil wir ja nichts mehr bringen können. Wenn niemand mehr mit uns spricht, weil, was wir meinen und denken, nicht mehr zählt. Wenn niemand mehr unsere Nähe sucht, weil wir nur Arbeit und Mühe bedeuten.

Da ist die Angst vor dem wirtschaftlichem Niedergang in unserem Land, die Angst vor dem Abbau unseres sozialen Systems, die Angst vor dem Verlust des gewohnten Lebensstandarts, vor persönlicher Armut und finanzieller Not. Bei den Jüngeren mag das heißen, das Haus, das man gebaut hat, nicht abbezahlen zu können, weil das Weihnachtsgeld fehlt, viel weniger geworden ist, weil das Gehalt, der Lohn nicht so steigt, wie erwartet. Bei den Älteren wird das oft heißen: Werden wir mit der Rente auskommen, deren weitere Verringerung ja schon beschlossene Sache ist. Überhaupt ist das ja keine völlig hergeholte Befürchtung: Viele Menschen spüren das schon sehr deutlich, daß sie nicht mehr so leben können wie früher, daß der Wagen länger halten muß, bevor ein neuer gekauft wird, daß sie mit weniger Geld wirtschaften, daß sie sich mehr krummlegen müssen und die Geschenke etwa zu Weihnachten deutlich kleiner ausgefallen sind.

Da ist die Angst vor dem Schwund der Werte, besonders der religiösen: Was gilt eigentlich noch ein gegebenes Wort unter den Menschen. Wieviel Verlaß ist auf ein Versprechen, des Ehegatten einst vor dem Altar, des Politikers vor der Wahl, des Chefs vor der Kündigungswelle... Auseinandersetzungen werden zunehmend mit Gewalt geführt. Die Schwachen werden an die Wand gedrückt. Das Geld regiert - in der Wirtschaft sowieso, aber auch in der Politik. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Es ist kein Glaube mehr unter den Menschen. Der Kirchenaustritt ist auch in unseren Dörfern gesellschaftsfähig geworden. Man hat alles Verständnis der Welt für einen Betuchten, der die Kirche verläßt: "Wenn der doch auch soviel Kirchensteuer bezahlen muß." Daß für die kleine Arbeiterin die 30,- DM im Monat vielleicht viel mehr bedeuten, viel schmerzhafter sind, als für den Großverdiener die paar hundert Mark, das sieht keiner. Die Kinder in der Grundschule wissen nicht mehr, wer Jesus ist. Konfirmierte sehen wir in der Kirche nie mehr. Ja, die Kirche selbst arbeitet kräftig an ihrem Niedergang: Keine Stellen mehr für PfarrerInnen, Gemeinden werden aufgelöst, man ist mit sich selbst beschäftigt, die Stimmen zu den Problemen der Zeit sind selten zu hören und wenn, dann sind sie sehr leise.

Wir wollen da hinein auf das Wort des Apostels Paulus hören, das uns zum Predigttext vorgeschlagen ist. Das paßt wirklich. Das kann helfen und trösten, uns weiterbringen und Hoffnung schenken.

Textlesung: Röm. 8, 31 - 39

Diese Worte könnten helfen und Hoffnung schenken, habe ich eben gesagt. Aber zunächst müssen wir sie einmal recht verstehen. Und "recht" heißt hier vielleicht: Anders als sonst immer. Denn wie "sonst", das heißt ja, wenn wir an unsere Ängste denken: Es soll nicht eintreten, was wir befürchten. Wir bitten darum, daß es nicht so kommt, wie wir erwarten müssen. Wir flehen Gott an, daß er uns erspart, wovor wir uns ängstigen. Davon aber ist hier nicht die Rede. Das Wort des Paulus setzt viel früher an: Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Und: Ich bin gewiß, daß nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Wie anders ist doch dieses Wort, als wir uns die Hilfe und den Trost vorstellen. Alles wird nun darauf ankommen, daß wir begreifen: Es mag alles eintreffen, was wir befürchten. Ja, es mag noch schlimmer werden, als wir es in unseren erschreckendsten Träumen sehen. Gott schützt uns nicht vor diesen Ereignissen - er schützt uns in ihnen. Gott macht nicht, daß die dunkle Zukunft sich in Wohlgefallen auflöst - er geht mit hinein. Gott bewahrt nicht davor, daß wir in schwere Zeiten kommen - er geht mit hindurch. Denn: Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Und: Es gibt nichts und niemand, der uns aus Gottes Liebe reißen kann. Da liegt unser Trost, unsere Hilfe, unsere Hoffnung!

Und wenn wir auch schon den Start ins Berufsleben verpassen, wenn wir die Stelle verlieren und nichts mehr finden können, wenn wir im Alter wenig und schließlich überhaupt nichts mehr arbeiten können, dann ist das schrecklich und sehr schmerzhaft für uns... Aber für Gott sind und bleiben wir die geliebten Menschen, für die er seinen Sohn dahingegeben hat an Kreuz und Tod. Und unendlich wertvoll sind wir ihm. Nicht eine, nicht einen von uns will er verlieren. Und das hat nichts zu tun mit dem, was wir leisten, was wir können, ja, nicht einmal mit dem, was wir aus Gottes Gaben gemacht und ob wir sie überhaupt genutzt haben. Und wenn wir beladen mit den schlimmsten Sünden und den größten Verfehlungen zu ihm kämen, er stünde doch schon da mit ausgebreiteten Armen. Und wenn er uns ein langes verkehrtes Leben nicht interessiert hätte und wenn wir nun noch in letzter Minute vor ihn treten würden, so gäbe er uns doch den vollen Lohn. Fragen wir nicht, warum er das tut, das muß zuletzt ein Rätsel bleiben, aber er tut es! Er will uns bei sich haben und gewinnen für das Geschenk, das er uns geben will, das Geschenk des Lebens in dieser und der ewigen Welt. - Uns ist in Ewigkeit geholfen. Es gibt nichts und niemand, der uns aus Gottes Liebe reißen kann. Da mag die wirtschaftliche Talfahrt in unserem Land also anhalten, ja, sich noch beschleunigen. Da mögen wir wirklich unsere liebe Not haben, mit dem auszukommen, was wir an Verdienst oder Rente kriegen. Da mag uns die Zukunft einen Strich durch all unser Bauen und Planen machen. Gott ist bei uns. Und die Menschen, die er angerührt hat, die sind auch in unserer Nähe! Keiner wird tiefer fallen als in Gottes Hände. Und keiner wird mehr aufgeladen bekommen, als er tragen kann. Und verhungern wird auch niemand. Und so schlecht, wie es viele Millionen Menschen immer schon haben und immer haben werden, so schlecht wird es uns niemals gehen. Und - wer weiß - vielleicht wird uns geringerer Wohlstand auch wieder auf die Spur dessen bringen, was wir hinter all den Sachen zum Kaufen und zum Vorzeigen gar nicht mehr gesehen haben: All die geschundenen, die vergessenen und geringgeachteten Werte: Die Liebe zwischen uns Menschen, die Treue des Partners, des Vaters, der Mutter, der Schwester, die Verläßlichkeit des Freundes oder des Nachbarn... Das wäre dann wirklich auch ein Gewinn, der für uns in dem liegen würde, was wir zuerst als Verlust verstanden haben! - Nein, die Hoffnung wollen wir nicht verlieren! Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Und mögen die Werte schwinden, mögen viele auch mutwillig zerstören, was in der Gemeinschaft und der Familie immer galt: Daß wir zusammenhalten, daß wir den Neid und die Gedanken der Konkurrenz unter uns nicht zulassen, daß wir gemeinsam für ein Ziel arbeiten, gemeinsam trauern, uns miteinander freuen und feiern... Mögen manche auch mit Füßen treten, was hier im Dorf jahrhundertelange Übung war: Daß man einander grüßt, daß man aufeinander achtet und für den Nachbarn mitdenkt und sein Wohl mit im Auge hat. Es bleibt doch Gottes Wille, den Nächsten zu lieben, freundlich zu ihm sein, mit ihm zu teilen, nach ihm zu sehen, ihm zu helfen. Und es bleibt mir auch unbenommen, danach zu leben: Was hat das denn mit den anderen Menschen im Dorf zu tun, bei denen Kälte und Ablehnung zu spüren ist, ob ich den Leuten Wärme schenke? Gut, das fiele uns leichter, wenn wir mehr Vorbilder hätten, mehr MitstreiterInnen... Aber ich kann doch nun nicht sagen: Sind andere unfreundlich und denken nur an sich, dann will ich das auch so halten! Gott hat mir einen anderen Geist gegeben! Und er ist mir gegenüber gütig, auch wo ich das nicht bin und schon gar nicht verdient habe. Und sprechen wir über die Religion: Auch wenn sehr viele Mütter und Väter nicht mehr mit ihren Kindern

Und sprechen wir auch über den Austritt aus der Kirche: Wir könnten all dem Geschwätz, das da an Theken und Stammtischen zu hören ist, einmal unsere Meinung entgegenhalten. Vielleicht diese: "Ich finde es erbärmlich, die Kirche zu verlassen - nur wegen dem Geld. Wenn die Kirche nicht wäre, dann gäbe es so viele Einrichtungen nicht, die allen dienen und die auch denen helfen, die nicht in der Kirche sind: Kindergärten, Diakoniestationen, Behinderteneinrichtungen, Krankenhäuser... Wenn die Kirche erst aus Geldmangel all ihre Dienste nicht mehr erfüllen kann, dann werden wir uns umschauen! Und ohne die Verkündigung und die Seelsorge wäre es in unserer Gesellschaft auch noch sehr viel kälter!"

Und reden wir auch über die Kirche selbst - sie ist ja kein Heiligtum, vielmehr Menschenwerk und es geht - weiß Gott - sehr menschlich in ihr zu! Darum sagen wir: Wenn die Oberen in der Kirche auch viele Fehler machen, vielleicht an der falschen Stelle mit dem notwendigen Sparen anfangen, so vergessen wir doch nie: Wir alle sind die Kirche! Wir können in unserer Gemeinde die notwendige Diskussion anfachen und wachhalten, wir können Fragen an unsere Vertreter in den kirchlichen Gremien richten, wir können an die Pröpste und Bischöfe schreiben... -

Bei alledem aber wollen wir uns trösten und stärken lassen von dem Gedanken: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes! Und wenn uns diese Gedanken nahegehen, wenn sie uns wirklich stützen und helfen, uns eine Hoffnung ins Herz und eine Zuversicht in die Seele senken, dann wollen wir noch das sehen und bedenken - es ist nicht das kleinste: Wir sind nicht allein! Wir sind eine Gemeinde in diesem Dorf und - so gebrochen und an vielen Stellen zerstört sie auch sein mag - wir sind eine Gemeinschaft. Und die kann auch wieder wachsen. Wunden können heilen. Risse sich schließen. Wir müssen daran arbeiten, mit pflegender Hand und wohlmeinenden Worten. Es ist unendlich viel, das zu wissen, wovon wir heute abend ausgegangen sind: Daß wir hier ähnlich fühlen und denken, fürchten und erwarten, hoffen und sehnen. Und daß es gut tut, hier in Gottes Kirche zusammenzukommen, zu beten, zu singen, die Nähe Gottes und die Gemeinschaft mit anderen zu empfinden, die ähnlich fühlen und fürchten wie wir selbst.

Wir wollen heute von hier weggehen gestärkt an Herz und Seele. Wir wollen die Hoffnung mitnehmen, daß Gott keinesfalls seine Menschen im Stich läßt. Wir gehen getröstet und haben Gottes Stärke und Hilfe in unserer Begleitung. Wir brechen auf in ein neues Jahr in der Gewißheit, daß wir gehalten sind und geführt, was immer geschieht, was immer auch die anderen tun und lassen, die da oben und die neben uns. Wir haben Hoffnung. Wir können etwas tun, etwas bewirken mit unserer kleinen Kraft. Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? - Ich bin gewiß, daß nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Die Predigt wurde gehalten von Annette Tröller und Pfr. Manfred Günther/ Groß-Eichen