Predigt am 2. Christtag - 26.12.1997
(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )
Textlesung: Hebr. 1, 1 - 3
Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe.
Liebe Gemeinde!
Gott hat in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn. Nur, was hat er gesagt? Was habe ich vernommen? Was sollen sie jetzt hören? Was ist die Botschaft Gottes an uns? -
Ich will es gleich sagen: Es ist heute ein bißchen heikel und schwierig, was ich mit diesen Gedanken predigen möchte: Gott hat in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn. Und schwer zu verdauen sind manche Worte wohl auch, die sie heute hören sollen. Darum dies zuvor: Ich freue mich mit jedem, der reich ist und dem es gut geht in dieser Welt. Ich bin dankbar, mit denen, die von Gott mit bester Gesundheit und mit einem glücklichen Leben beschenkt sind. Und auch, wenn viele Menschen so ganz und gar undankbar sind und alles nur hinnehmen, ohne ein Wort und ohne einen Aufblick nach oben - dann gönne ich diesen Leuten doch deshalb nichts Schlechtes. Nein, ich glaube, was ich heute sagen möchte, entspringt weder dem Neid noch der Mißgunst. Und ich hege auch nicht - tief drinnen - irgendwelche bösen oder gar rachsüchtigen Gedanken, weil ich insgeheim denke, ich und die Meinen wären gegen andere vielleicht doch irgendwie zu kurz gekommen. Nein, ich bin zufrieden. Ich will nicht mehr haben. Mein Schicksal ist von dem, was ich wahres Glück nenne, nicht weit entfernt. Soweit das Vorwort zu dem, was jetzt kommt.
Ich habe in diesem Jahr, wenn ich so sagen darf, zum 20sten mal seit ich Pfarrer bin, an der Krippe von Bethlehem gestanden. Wieder sollte ich mir da etwas einfallen lassen, was ich Ihnen in einer Predigt weitersagen kann, möglichst etwas Neues, noch nicht zu oft Gehörtes... Und wenn ich jetzt sage: "an der Krippe gestanden", dann meine ich das durchaus ganz wörtlich. Im Krippenspiel, das wir ja jedes Jahr bei uns zeigen und sehen können, bin ich ja wirklich immer ganz nah mit dabei, buchstäblich an und neben der Krippe... Und da eben ist mir wirklich etwas eingefallen, etwas aufgegangen, das ist vielleicht wirklich noch neu und noch nicht so oft vor ihre Ohren gekommen und das könnte gemeint sein, wenn es hier heißt: Gott hat in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.
Ich habe davon schon etwas gespürt, da war es im Stall noch ganz still. Das Kind war gerade geboren, die Gäste waren noch nicht da. Vielleicht hatte sich der Engel gerade aufgemacht hinaus zu den Hirten? Und die himmlischen Heerscharen über dem Stall haben noch geprobt, wie sie sich später aufstellen wollten, wenn sie ihr "Ehre sei Gott in der Höhe" anstimmen? Jedenfalls war es da schon zu spüren: Die Armut dieser Geburt, und wie alles an der Szene damit zusammenpaßt... Ochs und Esel, Viehstall, Futterkrippe, die armen Eltern ohne festen Wohnsitz...im Reisegepäck nur ein paar Windeln... Als dann die Hirten eintraten, wurde es noch viel deutlicher: War das ein Lumpenpack! Die Außenseiter von Bethlehem. Einer ging an Krücken. Ein anderer hatte nur einen Arm. Ein dritter war vom Aussatz gezeichnet. Wieder einer redete wirr und warf den Kopf immer so zur Seite. Aber das Staunen in diesen Gesichtern! Die Freude! Sie konnten sich ja gar nicht darüber beruhigen, daß ausgerechnet zu ihnen der Engel gekommen war und daß ihnen dieses Wort gelten sollte: Euch ist heute der Heiland geboren! Schließlich - da waren die Hirten gerade wieder im Aufbruch - schließlich kamen die drei Weisen daher. Ach, war das anders, als wir's uns immer vorstellen! Von wegen "geritten auf Pferden und Kamelen"! Zu Fuß waren sie, mit Schwielen an den Fersen. Und bloß Sterndeuter waren das! Astrologen, um die immer ein Hauch von Geheimnis weht und ein Rüchlein von schwarzer Kunst! Auch mit solchen Magiern hatten die wohlanständigen Leute von Bethlehem nicht so gern zu tun! Aber auch sie paßten hier gut ins Bild. Und mit dem bißchen Gold, Weihrauch und Myrrhe, das sie dabei hatten, zog auch nicht gerade der große Reichtum in den Stall ein! Und ein biß;chen später kamen dann noch ein paar Leute aus der Nachbarschaft. Auch das ganz arme Schlucker, einfache Taglöhner, Handwerker und Hausfrauen. Die Reichen von Bethlehem habe ich nicht gesehen. Die haben sich nicht für diese Arme-Leute-Geburt in einem Viehstall interessiert. Die sind hübsch zu Hause geblieben am warmen Herdfeuer, bei weißem Brot, Putenkeule, Oliven und Wein...
Liebe Gemeinde, jetzt will ich, jetzt wollen wir den Ort wechseln. Jetzt gehen wir zurück in unsere Zeit, in die Welt unserer Tage, in unser Dorf vielleicht? Wer ist es denn heute, der sich zur Krippe Jesu aufmacht? Wer hört denn die Botschaft: "Euch ist heute der Heiland geboren"? Ja nun, hören können sie alle, denn sie gilt ja allen Menschen und wird von Anfang an allen verkündigt. Aber wer hört denn hin? Wer folgt denn dem Ruf? Wen bewegt er so, daß er aufbricht zur "Krippe", oder eben dorthin, wo er heute Jesus, seiner Sache und seinen Leuten nahekommt? Und - jetzt sage ich das Heikle, das Schwierige, das Mißverständliche - aber sind das nicht heute wie damals zuerst die Armen, die Elenden, die Außenseiter, die Geängsteten und Beladenen? Sind das nicht heute wie damals zuerst die Menschen, die schon viele Schläge des Schicksals haben hinnehmen, die vielleicht schon lange den steinigen Weg durch fortschreitende Krankheit gehen oder seit langem mit einer Behinderung leben müssen? Sind das nicht heute wie damals zuerst die Menschen, die kein öffentliches Ansehen haben, die nichts gelten und nichts sind, die oft wenig von sich halten und sich selbst nicht helfen können?
Liebe Gemeinde, sie werden es mir abnehmen, daß ich, wie ich seit vielen Jahren immer wieder an der Krippe stehe, auch oft dort bin, wo heute die Menschen nach diesem Jesus Christus fragen, zu ihm kommen und den Glauben an ihn finden und festhalten. Und da muß ich einfach sagen, da stimmt heute - in unserer Zeit - wie damals im Stall von Bethlehem alles zusammen! Bei ihm finden sich die Schwachen ein, die Verletzten, die vom Schicksal Beschädigten und von Schuld oder Angst Belasteten. Und weil das so ist, sind wir an seiner Krippe und heute in seiner Nähe niemals fremd untereinander! Da sind wir alle gleich und dort hat keiner dem anderen etwas voraus. Warum sollte denn auch der "Hirte, der in Lumpen geht" mit dem Finger auf den "Sterndeuter" zeigen, den alle mit Mißtrauen betrachten? Oder warum soll der Mensch, der sich in seiner Zukunftsangst schier verzehrt, die Augenbrauen hochziehen, wenn er bei Jesus der zweifelhaften Person begegnet, von der die Gerüchte durch das Dorf fliegen?
Und jetzt gehen sie weiter, die schwierigen, heiklen Gedanken und Worte, die aber für mich der Kern dessen sind, was "Gott in diesen letzten Tagen zu uns geredet hat durch den Sohn": Ist das nicht wunderbar, tröstlich und sehr hilfreich, daß sich bei diesem Jesus eben gerade solche armen und belasteten Menschen sammeln. Dort findet man immer jemanden, der einem versteht, weil er selbst das auch schon durch hat, was uns gerade quält. Dort ist kein Hochmut. Dort gibt es keine Überheblichkeit. Da ist keiner mehr als irgend ein anderer. Und zu ihm selbst, der seinen Weg von der Krippe zum Kreuz ging, gehören alle und sie gehören in ihm und durch ihn alle zusammen: Eine Gemeinschaft von Gleichen, eine Familie seiner Leute, Geschwister...
Und jetzt will ich den heiklen, schwierigen Gedanken noch den allerletzten und heikelsten aufsetzen: Das gilt auch umgekehrt! Bei ihm finden wir eben nicht oder nur selten die Großen, die Angesehenen, die mit ihrem Reichtum prangen und mit Macht und Stärke blenden. Die sind - damals wie heute - daheim geblieben bei ihrem satten, behaglichen Leben. Und - oft genug - gehören sie der Gemeinschaft dieses Jesus von Nazareth auch bewußt nicht mehr an, haben seine Kirche lange verlassen, brauchen ihn ja nicht und auch nicht jene, die an ihm hängen. Liebe Gemeinde, wir aber wollen uns das nicht verdunkeln lassen, so dunkel es im Stall von Bethlehem und in unserem Leben heute auch sein mag: Dieser Jesus ist für die Armen und Elenden in die Welt gekommen. Für uns, die wir an seelischen oder körperlichen Lasten tragen, für uns, die wir uns schwach und klein fühlen, für uns, die in Furcht vergehen und vor Schuld nicht wagen aufzublicken, für uns ist er geboren und in unser armes Leben eingegangen. Wir haben in ihm einen Bruder. Wir sind durch ihn Geschwister. Wir haben durch ihn teil an allen Gaben, die er uns von Gott bringt: Vergebung aller Schuld, Hoffnung und Zuversicht, den festen Halt eines fröhlichen Glaubens, die helle Zukunft eines ewigen Lebens. -
Da mögen nun andere in Saus und Braus leben können, sich keine Sorgen machen müssen und den Wohlstand eines gesunden Lebens genießen, in dem es an nichts fehlt - sie müßten uns dennoch beneiden und vielleicht tun sie das ja auch insgeheim, denn solchen wie uns gilt damals wie heute zuerst dieses Wort: Euch ist heute der Heiland geboren!
Die Predigt wurde gehalten von Pfr. Manfred Günther, Lohgasse 11, 35325 Mücke/Groß-Eichen