Predigt am 1. Advent - 31.11.1997

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Liebe Gemeinde, 
in vielen Kirchengemeinden wird heute, am Beginn des neuen Kirchenjahrs über "ehrenamtliche Mitarbeit in der Gemeinde" gesprochen. Ich finde das gut und wichtig. Und eben gerade, wenn ein neues Kirchenjahr beginnt. Der Predigttext heute hat dazu wirklich gut gepaßt! Hier wird „Mitarbeit" in der Gemeinde sogar
noch weiter gefaßt, als wir vielleicht meinen. Mitarbeiter sind ja nicht nur jene, die im Kindergottesdienst oder dem Seniorennachmittag mittun. Mitarbeiter müssen nicht im Kirchenvorstand sein und auch nicht im Gottesdienst unserer Gemeinde mitgestalten oder oder im Singkreis mitsingen. Nein, Mitarbeiter sollen wir alle sein und sind wir auch alle - jede und jeder auf ihre, auf seine Weise.
Und für diese Mitarbeit gibt der uns für heute verordnete Predigttext wahrhaftig eine beherzigenswerte Richtschnur! Hören wir einmal:

Textlesung: Röm. 13, 8 - 12

Wir sind einander nur die Liebe schuldig, sonst nichts. Unser Leben hat unseren Grund in der Liebe. Wenn wir Christen sind, dann ist die Liebe unser Grundgesetz. Und auch die Grundlage der Mitarbeit für die Sache Jesu ist also die Liebe, nicht die Eignung oder, daß wir irgendetwas besser können als andere oder für irgendeine Arbeit in der Gemeinde Lust oder Interesse haben. Wie könnte denn eine Mitarbeit aussehen, die von der Liebe herkommt? - Mir sind unzählige Beispiele eingefallen. aber ich möchte mit ihnen nur einige betrachten, besonders solche, die möglichst viele ansprechen, ihre Gedanken treffen und vielleicht zum Nachdenken anregen:

Das ist Mitarbeit an Jesu Sache, wenn wir einander die Wahrheit sagen und sie voneinander annehmen. - Sagen sie jetzt nicht: Aber das tun wir doch! Viele tun es nicht. Und mir scheint, es wird immer weniger die Wahrheit gesagt, als daß irgend ein verschleierndes Gerede von uns geben, das die wahre Meinung versteckt. Beweise? Hier sind sie: Da gehen wir am Morgen zum Nachbarn, der Geburtstag hat, geben ihm ein Geschenk und machen uns dann rasch wieder davon. Und wenn man uns dann auf den Weg mitgibt: "Aber, du kommst doch heute nachmittag zum Kaffee?", dann antworten wir: "Heute nachmittag kann ich leider nicht!" - Und das ist eben oft nicht wahr. Wir könnten schon, aber wir wollen nicht. Vielleicht mögen wir nicht mit denen am Tisch sitzen, die da zum Kaffee erscheinen werden? Vielleicht denken wir auch, daß so ein Geburtstag überhaupt mehr in die engere Verwandtschaft gehört und wir da nicht hinpassen. Oder wir machen uns eh nicht viel aus Kuchen oder so einer Gesellschaft, in der wir ja auch manchmal wirklich nicht wissen, was wir sagen sollen. Warum aber antworten wir dann nicht gleich so: "Weißt du, ich möchte nicht kommen, weil..." Das wäre ehrlich und wahrhaftig.

Gewiß, wir denken jetzt an die andere Seite: Wie wird das ankommen, wenn wir so offen sind? Wir müßten eben auch Wahrheit annehmen lernen. Aber wir wollen ja oft auch angelogen sein! Es ist uns noch lieber, einer sagt eben: Da kann ich nicht, als daß er uns die wahren Gründe vorträgt.

Aber nicht nur, was dieses Beispiel angeht, tun wir uns schwer mit dem Annehmen der Wahrheit. Ich muß da auch an die Reaktion vieler Menschen denken, wenn wir ihnen eine Wahrheit vortragen, die vielleicht wehtut. Sie sagen nämlich dann oft nicht, wie es richtig wäre: "Du, da hast du recht, ich muß an mir arbeiten", oder: "Ich habe da einen Fehler gemacht." Was sie sagen klingt eher so: "Wer hat dir das erzählt???" - Oder: "Das hast du doch bestimmt von dem und dem gehört!" Und dabei wird dann noch sehr entrüstet getan. Was sie nicht sagen, ist dies: "Es stimmt, was du da gehört hast, ich bedaure das, und es tut mir leid." - Sich hier auf der einen und anderen Seite wahrhaftig zu verhalten, das nenne ich Mitarbeit in der Gemeinde Jesu! Und Liebe kann die Wahrheit sagen; sie muß es sogar! Und Liebe kann sie auch hören und annehmen. Liebe macht, daß ich den anderen ja nicht verletzten will, und Liebe macht, daß ich weiß, es geht nicht darum, mich klein oder gar fertig zu machen, wenn mir ein Mitchrist etwas Kritisches sagt.

Und das ist auch Mitarbeit an Jesu Sache, wenn wir einander auch in Glaubensdingen ansprechen und zum Glauben helfen. Und sagen sie hier bitte nicht, aber das tun wir doch! Auch hier gilt: Viele tun es nicht! Es ist nicht genug, daß wir etwa mit unseren Kindern früher einmal am Abend gebetet haben. Es ist nicht genug, wenn wir unsere Jugendlichen in den Konfirmandenunterricht schicken. Es ist nicht genug, wenn wir doch kirchlich getraut sind und unserem Mann, unserer Frau damals doch auch vor Gottes Altar etwas versprochen haben.

Heute leben wir mit Menschen zusammen, die niemals nach Gott fragen, die keine Kirche brauchen, keinen Glauben oder doch ihre Sache mit Gott nicht im Reinen haben! Es fällt mir immer wieder schwer zu verstehen, daß es eine Partnerschaft zwischen Menschen geben kann, in der ein Christ, einen erklärten Nichtchristen an seiner Seite hat und diesen nicht immer wieder wenigstens zu gewinnen versucht, damit dieser Mensch ohne Glauben doch auch zu Christus findet. Und im Verhältnis zu unserem Kind oder unserem Vater oder der Mutter, da müßten wir doch auch mehr anstellen, daß diese Menschen den Weg zu Gott erkennen. Ist das Toleranz, wenn wir als Christen unsere Leute nicht auf das ansprechen, was uns doch wohl das wichtigste ist? Oder ist das nicht viel eher Gleichgültigkeit, eine Haltung jedenfalls, die für mich absolut keinen Hinweis auf die Liebe im Hintergrund gibt.

Und auch hier gibt es eine andere Seite, sozusagen, die heißt: Die Menschen in unserer Nähe, die keinen Glauben an Jesus Christus haben, die beeinflussen uns ja auch! Wir mögen das nicht wollen und nicht für möglich halten zuerst, aber wenn wir einen Partner heiraten, der von Gottes Sache nichts wissen will, dann wird uns das früher oder später verändern... Dabei sind zwei Richtungen möglich: Entweder wir beharren nun gerade auf unserem Glauben, sprechen davon und zeugen dafür - eben auch bei unserem Partner - oder wir haben bald verloren: Zuerst vielleicht unser Gebet, dann unseren Kirchgang, schließlich unser Bekenntnis, unser Zeugnis und zuletzt unseren Glauben. - - -

Und schließlich ist das Mitarbeit an Jesu Sache, wenn wir in dieser Zeit, die manchmal nur noch Resignation und böse Erwartung kennt, für die Freude und die Hoffnung einstehen.

Wenn in unserer Umgebung so viele nur noch Schlechtes erwarten, wenn es immer nur heißt, das wird nicht mehr, wenn immer der Finger nur auf die Wunden gelegt wird und nie einer von den verheißungsvollen Anfängen spricht, die es doch auch gibt, dann sind wir gefragt: Daß wir sagen, was doch auch gut ist in unseren Tagen, daß wir die ewigen Nögler darauf hinweisen, wo auch sie schöne Erfahrungen gemacht haben, daß wir davon reden, warüber wir uns freuen und was wir gar nicht erwartet hätten und was doch so gut ausging. Es wird einfach zu viel schwarzgesehen! Die Menschen graben sich ein in ein tiefes Loch aus Weltschmerz, Freudlosigkeit und Zukunftsangst. Wir müssen auf das Gute deuten! Wir müssen vom Positiven sprechen. Die Menschen müssen raus aus den immer nur trüben Gedanken! Und gerade wo wir's doch mit Christen zu tun haben, dürfen wir ruhig auch einmal von Jesus Christus reden. Was wäre denn unser ganzer Glaube wert, wenn er uns nun in dieser dunklen Aussicht hängenließe? Wir haben eine Hoffnung zu vertreten. Es gibt eine Zuversicht für usn Christen. Uns ist eine Zukunft versprochen. Wir stehen schon an der Schwelle eines Lebens ohne Ende. Muß da nicht auch die Freude schon hier anfangen?

Und auch hier gibt's die andere Seite: Gern lassen wir uns ja auch selbst hineinziehen in diese trübe Weltsicht. Dann stimmen wir mit die Klagegesänge an und erwarten den Untergang der Menschheit und allen Lebens. So bestätigen wir dann andere, die ja schon daran leiden, daß sie immer nur dunkle Wolken am Horizont sehen. - Wir sind zur Hoffnung berufen! Wir haben etwas anderes vor Augen als Dunkelheit, Tod und Jammer. Wir kommen von Gottes Liebe her und haben sie vor aller Welt zu bezeugen. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat - und alle Resignation und Mutlosigkeit auch!

So spreche ich sie alle jetzt so an: Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Gottes Sache, möge uns die Liebe Gottes, die wir in Jesus Christus erfahren, dazu führen, daß wir für den Anfang an diesen drei Stellen hellhörig und hellsichtig werden, daß wir der Wahrheit und Wahrhaftigkeit verpflichtet werden und bleiben, daß wir unsere Mitmenschen auf den Glauben ansprechen und sie dazu einladen und daß wir die Freude und die Hoffnung in Jesus Christus bezeugen und leben.

Alle, die überdies noch auf andere Weise in der Gemeinde mitarbeiten, heute wieder einmal ein herzliches Dankeschön dafür. Alle, die überdies in Zukunft vielleicht in diesem oder jenem Bereich der Gemeinde mittun wollen, eine herzliche Einladung dazu.

Über allem, was wir tun, für unsere Mitmenschen in Familie und Nachbarschaft oder in unserer Kirchengemeinde soll dies als Richtschnur stehen: Seid niemandem etwas schuldig, außer, daß ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.