Predigt am 25.9.1994 - Goldene und Diamantene Konfirmation Text: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Psalm 119,105 Liebe Jubilare, liebe Gemeinde! Keiner wird es mir übelnehmen, wenn ich an diesem Tag besonders die Goldenen und Diamantenen Konfirmanden anspreche und die anderen älteren Menschen unter uns. Als ich gestern nach einem Wort für diese Stunde suchte, fiel mein Blick auf das Titelblatt einer Zeitschrift für Senioren, das auf meinem Schreibtisch lag. Da stand ein Vers aus dem Psalm 119: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. - Wer von Ihnen hätte das noch nie gehört? Mich hat das angesprochen. Es war mir auch ein bißchen wie ein Hinweis. Ich dachte, darüber sollst du Morgen sprechen. Was kommt Ihnen da in den Sinn?: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte... Viel- leicht denken Sie an die Konfirmandenzeit. Was haben Sie lernen müssen! Was hat Sie das Mühe gekostet, das "Wort des Herrn" in den Kopf zu bekommen: Die vielen Psalmen, die vielen Verse aus den Evangelien, die Gebote, die Liedstrophen und all das andere. Zu Ihrer Zeit gab es ja wirklich noch viel zu lernen! Gewiß, es gibt Begabungen für's Auswendiglernen und Behalten. Aber mancher hat sich auch sehr gequält: Herr, dein Wort... es war oft ganz schön anstrengend, dieses Wort! Ein anderer erinnert sich vielleicht an spätere Erfahrungen mit diesen Wort, vielleicht mit einem ganz bestimmten, einem, das man von der Konfirmation oder der Trauung mitbekommen hatte. In arger Bedrängnis wurde dieses Wort auf einmal so wichtig. Als der Weg dunkel wurde, hat man sich drangeklammert, und es hat getröstet! In einer schlimmen Zeit, in Not oder Kriegsgefahr hat es uns durchgeholfen. Damals haben wir begriffen, warum der Psalmbeter das sagt: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte... Wir müssen heute auch gar nicht die Jahre leugnen, in denen das Wort Gottes bei uns eine sehr ge- ringe Rolle gespielt hat. Bei vielen Menschen ist das so - und Sie verstehen sicher, wenn ich sage: leider! Bei einer Taufe in der Familie kamen wir vielleicht wieder einmal damit in Berührung oder bei einer Beerdigung. Sonst aber wenig. Das waren die Jahre, in denen wir uns etwas "aufgebaut" haben, in denen der Beruf oder unsere Familie unseren ganzen Einsatz verlangte, Jahre auch, in de- nen für unseren inneren Menschen einfach keine Zeit blieb oder zu bleiben schien. Irgendwann - viel- leicht so um die Lebensmitte - haben wir dann den Mangel bemerkt: Daß die äußeren Dinge, die Gü- ter, der berufliche Erfolg oder auch das Gedeihen der Kinder und alles das nicht satt macht. Wir blieben hungrig nach wirklicher Erfüllung, hungrig nach Sinn, hungrig nach wahrer Lebensfreude. Vielleicht hat uns solche Erfahrung dann wieder ins Gedächtnis gerufen, was wir viele Jahre zuvor gelernt hatten und was dieser Vers ausspricht: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte... Und es ist ja auch einfach so: Ohne dieses Wort kommt keiner aus, der ein menschliches und erfülltes Leben in dieser Welt führen will. Ohne dieses Wort - und was es uns verheißt - haben unsere 70 oder 80 Jahre letztlich keinen Sinn. Ohne dieses Wort müßten wir verzweifeln und am Ende ohne Hoffnung sterben. Aber: es muß ja keiner ohne dieses Wort sein. In der Heiligen Schrift ist es jedem jederzeit erreichbar. Und es hat etwas zu sagen - dieses Wort Gottes - auch und gerade in unseren Tagen und jedem ganz persönlich. Man muß es ausprobieren und wird dann merken, daß es stimmt: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte... Was könnte uns das Wort Gottes sagen? - Oh, es kennt tausend Arten mit uns zu sprechen, tausend Sprachen und es hat vielleicht tausend Aufgaben für uns. Aber es enthält auch tausend Hilfen, tau- sendmal Trost und tausendfach Verheißung, die uns Hoffnung gibt. Für die Älteren hier und unsere Jubilare hat es vielleicht diese Botschaft auszurichten (vgl. Schriftle- sung: 1. Mose 18,1-14): Es gibt kein "zu alt", dem Leben noch einmal eine neue Richtung zu geben. Es gibt kein "unmöglich" für Gott, und es gibt kein "zu spät" für alle, die es mit dem Glauben und dem Handeln nach seinem Willen versuchen möchten. Es gibt keine eingefahrenen Geleise, keine noch so ausgetrete- ne Spur meines Lebens, aus der ich mich nicht durch sein Wort und sei- nen Auftrag frei machen könnte. Ja, das ist wohl überhaupt die Mitte und der Kern der Botschaft Gottes: Wir können andere, bessere Men- schen werden, so jung oder so alt wir auch sein mögen. Wenn es anders wäre, wenn es anders sein sollte, dann hätten wir solche und andere Verse nicht nötig: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuch- te... Die Leuchte nämlich möchte hell machen, was,dunkel ist. Die Leuchte möchte ihren Glanz verbreiten - durch uns! Oft höre ich, besonders von älteren Leuten: "Wir bleiben bei dem, was wir gelernt haben!" Ich weiß wohl, wie das gemeint ist: Man will damit etwa andere Konfessionen oder gar Sekten abwehren, wenn ihre Vertreter an unserer Haustür stehen. Aber ich spüre hinter diesen Worten oft noch etwas anderes: Wir beziehen uns zurück auf eine Zeit, die lange, lange vergangen ist. Vielleicht ist der Konfirmandenunterricht gemeint oder die Kindheit. Und ich frage mich: Ist das genug, dabei zu blei- ben, was wir damals gelernt haben? Müßten wir nicht das ganze Leben - immer wieder neu - lernen, dazulernen, was Gott von uns will und was sein Weg für uns ist? Müßte es darum nicht besser so heißen: "Wir gehen aus von dem, was wir einmal gelernt haben - und bemühen uns, täglich dazuzu- lernen und im Glauben zu wachsen!'' Der Schluß des Verses aus Psalm 119 malt so ein schönes, so ein treffendes Bild: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. - Auf meinem Wege...wie eine Laterne, die man unterwegs dabeihat, so ist Gottes Wort. "Dabeihaben", ich ver- stehe das so - und jetzt wird dieses schöne Wort ganz praktisch: Warum nicht wieder einmal meinen Tageslauf, alles was ich tue und treibe, im Licht von Gottes Botschaft betrachten. Da wird dann schon das Unnütze deutlich werden. Da werde ich schon erkennen, wo in meinen Leben Leerlauf ist und wo ich mit meiner Zeit weder Gott noch den Mitmenschen diene. Das Licht selbst, die Bibel, muß ich dann schon täglich in Gebrauch nehmen. Aber warum denn auch nicht! Sie ist eine so große Hilfe für uns. Und sie steht ja doch auch in jedem Haus, irgendwo. Jeden Tag ein wenig darin lesen, das Gelesene bedenken und zu verwirklichen versuchen - so wird das Wort: Licht auf unserem We- ge. Der bloße Bezug zurück, auf das, was wir irgendwann vor vielen Jahren gelernt haben, reicht nicht aus. Im Bild gesprochen: Wenn das Licht nur irgendwo in unserer Vergangenheit brennt, dann entfernen wir uns mit jedem Tag mehr davon, dann scheint es ja auch nur in unseren Rücken, dann kann es auch nicht den Weg beleuchten, der noch vor uns liegt. Unsere Zukunft aber will das Wort Gottes hell machen, denn es heißt: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege! Liebe Jubilare, liebe Gemeinde! Ich wünsche uns allen, daß Gottes Wort wieder neu seinen Platz in unserem Leben bekommt. Wie eine Lampe, wie eine Leuchte, die wir auf all unseren Wegen dabeihaben und wirklich gebrauchen!