Zwei Predigten! Die Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias hängt hinten an! ___________________________________________________________________________ Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias - 9.1.2000 Textlesung: 1. Kor. 1, 26 - 31 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mäch- tige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott er- wählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott er- wählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): "Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!" Wie hören sie das, liebe Gemeinde? Ersteinmal möchten wir ja widersprechen! "Nicht viele Weise, Mächtige, Angesehene sind berufen", heißt es hier. Ist das wirklich so? Wer hat denn das Sagen in der Welt? Nicht doch die "Weisen", o- der die sich dafür halten? Nicht doch die "Mächtigen" - auch wenn sie ihre Macht oft genug nicht durch Wahl übertragen bekommen, sondern durch Gewalt an sich gerissen haben. Nicht doch die "Angesehenen" - wenn dieses Ansehen auch häufig nur darauf beruht, wie sie blenden und lügen können. Und wie gebärden sich diese Leute, die oft nur Brutalität und ihre Fähigkeit über Leichen zu gehen, nach oben gebracht haben! Sie können Krieg, Vertreibung oder Folter diktieren. Sie haben es in der Hand, ob es Bomben regnet und Tausende von unschuldigen Menschen geopfert werden. Und sie setzen sich dann wie Ehrenmänner an Verhandlungstische und keiner wird ihnen ins Gesicht schreien, was sie eigentlich sind: Mörder und Gewalttäter, Geißeln ihres Volkes und aller wirklich friedliebenden Menschen! Gut - könnten wir sagen - da behauptet sich auf dieser Erde noch eine Weile das Alte, Überholte, das vor der Welt gilt, aber nicht vor Gott... Aber wie lange dauert diese Weile schon! Und wie lange soll sie noch dauern?! Wird nicht unsere Sehnsucht von Jahr zu Jahr größer, je länger wir leben, daß es einmal wahr werde: Daß eine Mutter Theresa nicht nur den vergleichsweise unbedeutenden Frie- densnobelpreis gewinnt, sondern ihre Lebensart und ihr Umgang mit Menschen sich in den Regie- rungen der Länder und der Gemeinschaft der Völker durchsetzt? Daß ein Albert Schweitzer kein Einzelkämpfer in Sachen Nächstenliebe und Barmherzigkeit bleibt? Daß es in dieser Welt endlich überall Frieden gibt und sich die Gerechtigkeit rund um diesen Globus ausbreitet? Aber wir sehnen uns ja auch in unserem kleinen, persönlichen Leben danach, daß sich einmal etwas ändert: Vielleicht, daß auf eine schwere Zeit großer körperlicher und seelischer Anspannung jetzt doch wieder eine Weile des Glücks und der Freude folgt? Vielleicht auch, daß sich ein paar Träume noch erfüllen mögen. Oder daß auch nur einer einmal anerkennt, was wir schon seit Jahren mehr im Hintergrund für die Mitmenschen tun? - Ach, es sind ja - gemessen an den Problemen der großen Welt - bescheidene Wünsche, die wir für uns persönlich haben! Aber auch da - auch was unser Le- ben und unsere Erfahrungen angeht, scheint es doch eher so zu sein: Gott hat das Angesehene aus- erwählt. Er gibt dem Starken. Es haben immer die recht, die ihre mehr oder weniger klugen Ideen nur laut genug vertreten können. Gott ist auf der Seite derer, die mit ihrem Geld Einfluß ausüben und die Macht ihrer Beziehungen auspielen. Und er läßt es zu, daß sie sich selbst rühmen. - Und wir? Die wir schwach sind, die wir versuchen, den geraden Weg zu gehen, die nicht so gut reden können und nie groß herauskommen. Wo bleiben wir? "Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen..." Wirklich: Wir können es nicht glauben! Liebe Gemeinde, sie merken das jetzt sicher, wie sehr unsere Überlegungen und diese Predigt doch in eine bestimmte Richtung gehen: Hoffnungslos das alles. Das riecht nach Resignation. Wenn auch das Wort Gottes nicht mehr Mut und Anstoß zum Besseren geben kann! Wie läßt sich die Predigt jetzt noch retten? Führt doch noch ein Weg zu tröstenden, erbaulichen Gedanken? Wir haben bisher nur über das geredet, was uns der Kopf sagt, unsere Augen, unsere Ohren, unser Verstand. Wir sehen, daß sich die Rücksichtslosen behaupten. Wir hören, daß der mit dem meisten Geld und dem richtigen Vetter das Geschäft macht. Wir denken und stellen darum fest: Daß Gott die Schwachen erwählt und den Törichten recht gibt und die Verachteten liebt...ist nur eine fromme Hoffnung. - Reden wir jetzt von unserem Herzen und von unserer Erfahrung! Wie war denn das - und da spreche ich jetzt alle an, die in denn letzten Jahren einen lieben Menschen verloren haben - wie war denn das: Haben sie, als sie in der Nacht an seinem Bett gewacht haben, auch nur einen Augenblick mit dem Kopf darüber sinniert, ob das denn "weise" wäre vor der Welt und den Menschen, ob man das denn tun müsse, ob man das eigentlich von ihnen verlangen könnte oder gar, ob da irgendetwas herausspringt, wenn man da sitzt und einem Sterbenden die Hand hält und die Stirn kühlt? Oder haben sie sich da überlegt, wie ungerecht es doch in der Welt zugeht und daß sie sich doch auch lieber mit etwas Schönerem beschäftigen würden als mit einem ausgehenden Leben? Ja, war ihnen in dieser letzten Zeit je irgendwann danach, über das mit dem Kopf nachzusin- nen, was ihnen da abverlangt und auferlegt war? - Sie haben es getan. Sie wußten: Das ist jetzt mei- ne Aufgabe. Sie haben gespürt: Hier ist mein Platz, hierhin hat mich die Liebe...hierher hat mich Gott gestellt. Und nicht nur das! Sie haben es gern getan! So schwer das auch war, so oft sie sicher auch gedacht haben, ich kann nicht mehr und wäre es doch vorbei...sie hätten es nicht lassen wollen, lassen können... Und noch etwas, vielleicht das wichtigste: Sie haben in diesen schweren Stunden gefühlt, daß hier Gott ist, in diesen Zeiten der Pflege und Aufwartung für ein verlöschendes Leben. Und dieser Gott sucht sich in diesen Zeiten so schwache, geringe und gar nicht dafür qualifizierte Leute wie uns aus. Und mit und durch uns tut er dann die kleinen, geringen Dinge an so einem aus- gehenden Leben, die aber für diese leidenden Menschen alles bedeuten, die ganze Welt und das Le- ben selbst! Vielleicht bringt uns das auf die Spur, wie das nun doch zusammengeht: Unser Kopf mit den Augen und Ohren und unser Verstand und was wir an den Großen, Mächtigen, Einflußreichen sehen und erleben - und auf der anderen Seite unser Herz, unsere Erfahrungen, die wir im Kleinen, im persönli- chen Leben machen? Jawohl, die Großen, die Reichen, die mit der Macht im Bund sind, scheinen in dieser Welt und mit ihr machen zu können, was sie wollen. Da ist nicht dran zu rütteln. Das müssen wir erkennen und hinnehmen. Gott läßt es zu! Und wir fragen und klagen: Warum - und wie lange noch! Aber in dieser Welt, in unserem Leben gibt es auch die Erfahrung einer anderen Wahrheit: Mit schwachen, kleinen, geringen Leuten, wie wir welche sind, tut Gott seine Taten an den Menschen: Er tröstet, er hilft, er läßt seine Liebe erfahren, er zeigt, daß er treu ist und niemanden fallen läßt. Ich meine sogar, hier geschehen die wirklich weltbewegenden Dinge, hier wird entschieden, ob diese Welt noch zu retten ist und ob sich in ihr doch einmal der Frieden, die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit durchsetzen! Hören wir jetzt - vor diesem Hintergrund - noch einmal diese Worte: "Seht auf eure Berufung! Nicht viele Weise, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen, sondern was töricht ist, was schwach ist, was gering und verachtet ist, das hat Gott erwählt..." Gewiß bleibt das anmaßende Treiben der Großen und Mächtigen dieser Erde. Sie werden weiter - so lange Gott es ihnen erlaubt - ihren Vorteil suchen, ihre verderblichen Taten tun und ihre bösen Spuren hinterlassen, wenn sie von der Bühne abtreten. Berufen aber sind sie nicht! Geduldet sind sie - wir wissen nicht warum. Wir a- ber sind die Auserwählten, im Kleinen, dort, wo uns Gott hingestellt hat, seine Taten zu wirken, sei- ne Worte zu sagen, seinen Trost weiterzugeben, seine Kraft weiterzuschenken... Und wir - anders als die Machthaber und "großen Hansen" dieser Welt - werden dabei spüren dürfen: Gott ist mit uns. In unserer Schwäche ist seine Kraft verborgen. Durch unsere kleine Geste wirkt er große, weltbe- wegende Dinge! Und nur durch uns wird auch das letzte wahr, was hier angesprochen ist: "Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!" Wir werden erfahren, daß Gott selbst in unseren kleinen Taten am Werk ist! Wir werden spüren, wie uns das trotz allem Schweren, was wir erleben, still und zu- frieden macht. Ja, so etwas wie Glück wird uns erfüllen. Und wir werden - selbst in einem Tun, das viel von uns verlangt - Gott loben und rühmen können. Noch einmal: Wir sind die Auserwählten, im Kleinen, dort, wo uns Gott hingestellt hat, seine Taten zu wirken, seine Worte zu sagen, seinen Trost weiterzugeben, seine Kraft weiterzuschenken... _______________________________________________________ Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias - 16.1.2000 Textlesung: 1. Kor. 2, 1 - 10 Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wis- sen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überreden- den Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herr- scher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis ver- borgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): "Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben." Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. Liebe Gemeinde, worüber wollen wir vor dem Hintergrund dieser Worte nachdenken? Da gäbe es gleich einige Ge- danken: Die göttliche Weisheit und die Weisheit der Menschen. Die Schwachheit und die Kraft. Das Geheimnis und die Vorherbestimmung. Die Herrlichkeit Gottes und die Dummheit der Herrscher dieser Welt. Der menschliche Geist und die Offenbarung. Was aber interessiert uns daran am meis- ten? Wäre vielleicht eines dieser Themen für uns besonders wichtig? Ich will es ganz offen sagen. Ich habe danach entschieden, was mir am wichtigsten erschien. Was soll man denn auch anderes machen? Allem und jedem kann ich ja nicht gerecht werden. Alles, was in diesen Worten angesprochen wird, kann ich nicht predigen. - Hier ist mein Thema: "...mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, son- dern auf Gottes Kraft." Wenn sie "meine Predigt" hören, wird ihnen gewiß zuerst Paulus in den Sinn kommen, seine Aufga- be als Apostel, als Missionar der Heiden. Und vielleicht werden ihnen diese Worte fern sein und fremd und sie denken, da bin doch nicht ich gemeint. Oder sie hören "meine Predigt" als eine Be- merkung von mir, dem "Prediger" dieses Gottesdienstes am heutigen Sonntag. - Ich habe es anders verstanden. "Mein Wort und meine Predigt" - lassen sie uns dabei einen Augenblick an uns alle den- ken, jede und jeder an sich selbst. Was könnte da gemeint sein? Neulich hat die Mutter eines 20jährigen Sohnes gesagt: "Ich predige ihm jeden Samstagabend: Komm doch wieder mal mit in die Kirche! Es ist nichts zu machen. Er kriegt am Sonntagmorgen einfach die Kurve nicht. Außerdem sagt er, seine Freunde würden doch auch nicht gehen und er schafft das nicht, allein..." Ein Mann erzählt von seinem Nachbarn: "Wie oft habe ich den schon angesprochen! Daß es doch schön ist, auch eine Gemeinde zu haben. Daß er doch auch mal irgendeinen Gebrauch davon machen soll, daß er Mitglied in der Kirche ist. Vom Bibelkreis habe ich ihm berichtet. Wie oft mir das schon geholfen hat, was da so behandelt wird. Er winkt immer wieder ab. Das wäre nichts für ihn. Er zahle immerhin Kirchensteuer, ob das denn nicht genug wäre. So viele andere brächten es ja nicht einmal dazu!" Eine Frau sagt über ihren Partner: "Wie mir das wehtut! Seit über 20 Jahren sind wir jetzt verheira- tet, aber über Glaubensfragen kann ich mit ihm einfach nicht reden. Schon wenn es um unser Alter geht, blockt er ab. Und so Dinge wie "Sinn des Lebens", "Gott" oder gar das "Sterben" darf ich ü- berhaupt nicht ansprechen. Das ist für ihn alles "frommer Kram". Dafür hätte er keine Antenne. Das liege an seiner Erziehung, sagt er. Die wäre halt einfach anders gewesen als meine. Vielleicht stimmt das ja, aber muß man über so wichtige Themen nicht einfach reden! Und besonders dann, wenn man einen Menschen doch liebhat!" Ich glaube, liebe Gemeinde, hier könnten viele von uns eine ganz persönliche Geschichte ergänzen. Welche Erfahrungen wir mit "Wort und Predigt" gemacht haben. Daß wir mit unseren gut gemeinten Einladungen nicht angekommen sind. Wo unsere Worte über den Glauben, über Gott, die Gemeinde oder unsere Kirche auf wenig fruchtbaren Boden gefallen sind. Und wie uns das schmerzt und wel- che Fragen und Zweifel das in uns aufruft: "Warum segnet Gott meine Mühe um seine Sache an un- seren Nächsten so wenig?" - "Was kann ich denn noch tun, daß sie begreifen, wie wichtig der Glau- be an Gott und Jesus Christus auch für sie wäre?" - "Warum macht Gott nicht, daß mein Sohn, mein Mann, meine Mutter, mein Nachbar endlich hört?" Wir wollen zuerst einmal genau hinhören: "...mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit ü- berredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft." Liebe Gemeinde, es geht nicht um unsere "Weisheit". Es wird nicht von uns verlangt, daß wir bril- lant oder überzeugend reden können oder uns geschickt anstellen, wenn wir vor unsere Mitmen- schen treten. Wir sollen sie nicht "überreden" oder beeindrucken mit dem, was wir sagen und wie wir es sagen. Es geht um Gottes Kraft und um seinen Geist - und den wird er selbst erweisen. - Aber was heißt das? Das heißt, daß wir entlastet sind von dem Druck, wir müßten immer wieder oder doch wenigstens immer wieder einmal einen Versuch machen. Daß wir unseren Sohn doch mit in die Kirche kriegen. Oder daß der Nachbar mal zum Bibelkreis mitgeht. Oder daß unser Partner endlich seinen Wider- stand aufgibt und mit uns über Gott und den Lebenssinn spricht. - Gott braucht uns nicht dazu! Er arbeitet selbst an den Menschen. Er zeigt ihnen seine Kraft. Er läßt sie seinen Willen hören und bringt sein Wort bis in ihr Herz. Ob sie also von Gott angesprochen und angerührt werden, ist nicht unsere Sache. Daß sie zum Glauben finden oder vielleicht ihr Leben lang ohne Vertrauen zu Gott bleiben, liegt nicht in unserer Verantwortung. Das heißt sicher nicht, daß es nicht wehtut, wenn uns kein gemeinsamer Glaube in der Ehe oder Familie trägt. Und das soll nicht sagen, daß es nicht schön wäre, wenn in unserer Kirche alle auch eingebunden wären in das Leben, die Arbeit und den Glau- ben der Gemeinde. Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Es ist unserem Bemühen entzogen. Wir kön- nen es mit der größten Anstrengung nicht erreichen. Gott aber kann es! Und darum allein geht es. Er erweist seinen Geist und seine Kraft! Und er tut das auch! Wie die Mutter von ihrem Sohn erzählen muß, daß er sich nicht bewegen läßt, einmal mit zum Got- tesdienst zu kommen, so könnte eine andere davon berichten, daß ihre Tochter vielleicht - nach jah- relanger Ablehnung der Kirche und ihrer Sache - auf einmal wieder den Kontakt zur Gemeinde auf- genommen hat. Und wie einer von seinem Nachbarn sagen muß, daß der durch alles gute Zureden sich nicht bewegen lassen will, bei irgendetwas in der Kirche am Ort mitzutun, so kann ein anderer doch nur staunen: Er erlebt in seiner Nachbarschaft, daß ein Mann, der seit seiner Kindheit keine Beziehung zum Gottesdienst hatte, weit nach der Lebensmitte zum regelmäßigen Kirchgänger wird. Und wo einer von seinem Partner heute sagen muß, er will von Glaubensdingen nichts wissen, da er- lebt ein anderer ganz plötzlich den Sinneswandel seines Lebensgefährten - und er könnte nicht sa- gen, woher das kam. - Noch einmal: Es geht nicht um unser Wort und unsere Predigt, nicht um un- ser Bemühen, unsere Überzeugungskraft oder gar unsere Weisheit. Es hängt alles an Gottes Willen, seiner Kraft und seinem Geist. Wenn er es nicht macht, dann kann es nicht geschehen. Und umge- kehrt: Wenn er es will, dann wird er es vollbringen. Was bleibt dann aber für uns zu tun? Wir sollen mit jedem unserer Tage - und mehr als bisher! - dafür einstehen, daß es wunderbar ist und beglückend, von Gott zu wissen, an ihn zu glauben und mit ihm zu arbeiten und zu leben. So und nur so bereiten wir Gott den Weg zu den Menschen. Und wir sollen das frei von allen Gedanken tun, wir müßten irgendjemand für Gott gewinnen oder begeistern. Und wir sollen - mehr als bisher! - etwas von dem Glanz auf unserem Gesicht haben, der von daher rührt, daß wir im Leben und im Sterben gehalten sind und durch Jesus Christus wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Und dabei brauchen wir nicht daran zu denken, daß wir damit für Gottes Sache werben oder einen anderen Menschen für ihn einnehmen müßten. Und schließlich sollen - oder sagen wir besser: dürfen - wir von der Freude reden, die uns das schenkt: Einen Herrn zu haben, der uns führt und trägt und schützt und unseren Tagen Erfüllung und Sinn und unserem Leben ein Ziel gibt. Und dabei können wir Vertrauen haben, daß dieser Herr auch mit unseren Mitmenschen seine ganz eigene Geschichte hat, daß er auch sie anspricht zur rich- tigen Stunde und auch ihnen Glauben und Vertrauen ins Herz senken wird, wenn die Zeit dazu ge- kommen ist. Und noch eines sollen, dürfen und wollen wir tun - und es ist nicht das geringste: Für die Mitmen- schen beten, für sie eintreten vor Gott und ihrer oft und immer wieder fürbittend gedenken. Das alles wollen wir vor der Welt und den Menschen tun. Es soll uns dabei nicht der kleinste Ge- danke daran beschweren, wir hätten hier eine Aufgabe, die wir unbedingt erfüllen müßten oder gar, Gott lege uns die Last der Bekehrung eines Nächsten auf oder daß wir die Mitmenschen überzeugen oder gewinnen sollen. Es ist ein für allemal nicht unser Wort und unsere Predigt! Es geht nicht um menschliche Weisheit, sondern um die Erweisung des Geistes und der Kraft, damit der Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Haben wir Vertrauen. Gott allein kann es tun - und er tut es auch! AMEN