Predigt zum Ostermontag - 5.4.1999 Textlesung: Luk. 24, 36 - 45 Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Faßt mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, daß ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und Füße. Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie leg- ten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm's und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muß alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, so daß sie die Schrift verstanden. Liebe Gemeinde! Ich will ganz offen sein: Diese Geschichte von Jesu Erscheinung vor den Jüngern gehört nicht zu den Osterberichten, die ich besonders mag! Und es gibt auch gute Gründe dafür! Da bemühen wir Verkündiger des Evangeliums uns doch redlich, daß unsere Hörer wegkommen von dem Gedanken: "Ja, hätten wir Jesus nach seinem Kreuzestod wirklich gesehen, dann könnten wir auch glauben!" - "Hätte er uns seine durchbohrten Hände und Füße hingehalten, wir würden nicht an seiner Auferste- hung zweifeln!" Hier aber wird genau dieses Denken bestärkt: "Wenn er damals vor uns erschienen wäre und wir ihn gar angefaßt hätten, dann würde uns das mit dem Glauben nicht so schwer fallen! Uns aber beweist ja niemand, daß Jesus wirklich lebendig ist!" Dazu ist einiges zu sagen. Ersteinmal dies: Meinen sie wirklich, daß sie ihm glauben könnten, wenn Jesus heute vor sie träte und ihnen seine durchbohrten Hände hinstreckte? Stellen sie sich das einen Augenblick bildlich vor! - - - Wie sähe er aus? Ein Jesus, wie wir ihn von den Bildern des "Guten Hirten" her kennen? Oder ein Mann mit zeitgemäßem Aussehen und Frisur? Welche Kleidung würde er wohl tragen? Die von damals? Die heutige, mit Anzug, Hemd und Krawatte? - Ich glaube, sie spüren das jetzt auch: Das wäre ganz gleichgültig. Glauben würden sie so einem nicht. Da könnte er beteuern, was er nur will. Das wäre ihnen nur ein Taschenspielertrick, Blendwerk, eine Vorführung, bei der sie gewiß sehr schnell fragen würden: Was will der von dir? Denn zu irgendeinem Zweck muß sie doch dienen, diese "Schau"! Und das zweite, was dazu gesagt werden muß, ist dies: Ich kann mir das gar nicht vorstellen, daß Jesus selbst diesen Auftritt inszeniert haben soll! Daß er die Jünger bittet, ihn anzufassen, sie auf sein Fleisch und seine Knochen hinweist und sie gar um eine Speise bittet, um ihnen etwas vorzuessen - nur damit sie endlich glauben, daß er kein Geist ist, vielmehr Fleisch und Blut hat. Nein, für mich ist das eher das Bemühen dessen, der diese Geschichte aufgeschrieben hat und der offenbar meint, die Leser könnten eher glauben, wenn er ihnen "Beweise" liefert, die dafür sprechen: Dieser Jesus ist wirklich lebendig. Aber - und hier kommt das dritte: Das kann niemand einem anderen beweisen, denn das ist immer auf unseren Glauben gestellt. Und "glauben", das wissen wir, ist niemals das "Für-wahr-halten" von Tatsachen, die belegt und bewiesen werden können. Glauben ist immer vertrauen! Aber, daß er nicht mit Beweisen gesichert werden kann, das teilt der Glaube mit anderen Dingen - und besonders mit den höchsten Werten für uns - als Christen: Die Liebe, die einer empfängt oder einem anderen schenkt, kann auch keiner belegen. Und bei der Hoffnung ist es genauso. Wenn ich sicher wüßte oder gar vor mir sehen könnte, worauf sich mein Hoffen bezieht, dann hätte meine Hoffnung aufgehört zu sein. Aber schauen wir uns hier die Liebe etwas genauer an. Mein Mann, meine Frau sagt, sie hätte mich lieb. Warum glaube ich das? Weil - wenn es wirklich so ist - ich das auch spüren kann, erleben, erfahren kann. Vielleicht liegt es im Blick meines Partners, wie er mich ansieht, wie ich es in seinen Augen lesen kann: "Du bist der liebste Mensch für mich!" Oder es ist in seinen Gesten, wie zärtlich sich seine Hand auf die meine legt, wie gern er in meiner Nähe ist, ja, wie nah wir uns sind, manchmal ohne daß wir ein Wort sagen müssen. Oder es ist auch oft in den Worten...wie und was er mit mir spricht. Wie behutsam er mit mir um- geht. Wie er genau bedenkt, was er sagt, daß er mich nur nicht verletzt. Und wie er sich bemüht, mich zu verstehen, auch wo ich einmal nicht genau weiß, wie ich es ausdrücken soll. In alledem spüre ich, daß mein Mann, meine Frau mich liebt. Aber beweisen könnte er, könnte sie mir das nicht! Wie denn? Etwa so: Schau her, ich habe dir hier einen großen Blumenstrauß gekauft, daran kannst du erkennen, wie sehr ich dich liebe. Oder so: Ich habe mir ein neues Kleid gekauft, weil ich doch schön für dich sein will. Oder gar auf diese Weise: Ich möchte gern eine Lebensversi- cherung für dich abschließen, denn ich liebe dich ja so sehr! Nicht anders ist das beim Glauben! Nicht weil Jesus uns seine Wunden zeigt, finden wir zu ihm. Nicht weil wir ihn anfassen dürfen, werden wir wissen, daß er kein Geist, sondern heute lebendig ist. Und nicht indem er uns ein Stück gebratenen Fisch vorißt, werden wir ihm glauben können, daß er als der Auferstandene heute lebt. - Was wir heute mit ihm erfahren, wird uns überzeugen und zum Glauben führen! - Und das ist gar nicht so wenig! Mir fallen da die vielen Menschen unserer Tage ein, die so ganz offensichtlich angerührt sind von ihm. Die sich aufreiben in ihrem Dienst an den Nächsten, auch wo sie kein Geld dafür bekommen, ja, oft nicht einmal ein gutes Wort. Die sich bemühen, so zu leben, wie Jesus das getan hat, die versu- chen in ihrer Art, etwas von seinem Wesen widerzuspiegeln. Und an die muß ich denken, die das ausstrahlen, daß eine Liebe in ihnen ist, eine Kraft auch, die nicht aus ihnen selber kommt. Sie scheinen verbunden mit anderen Quellen; da fließt immer wieder reichlich nach, auch wenn sie sich für ihre Mitmenschen verschenken und manchmal - wie es uns vielleicht scheint - vergeuden. Und schließlich kommen mir jene in den Sinn, die auch mit dem Tod vor Augen noch fröhlich und gelassen sind und voller Hoffnung. Wir können dann auch nicht begreifen, woher das nur rührt, daß sie so ohne Furcht sind, so ruhig und sogar noch so etwas wie Freude ausstrahlen, Vorfreude auf etwas Wunderbares, das sie bald erleben werden. Es scheint, als wüßten sie, daß sie ganz nah vor der Stunde stehen, in der sie eintreten werden in Gottes herrliche Welt. Aber sie "wissen" es ja nicht. Sie glauben es. Hier jedenfalls wird es uns deutlich, an diesen Menschen kann es uns aufgehen, daß wir es ja gar nicht brauchen, daß Jesus uns heute leibhaftig gegenübertritt, daß er uns gar die Wundmale zeigt und sich von uns berühren läßt. Sind wir nicht alle schon berührt von dem Zeugnis der Menschen, die an ihn glauben, die es wissen, daß er auferstanden ist, weil er sie überwunden hat und ihr Den- ken, ihr Reden und Tun bestimmt. Ja, vielleicht sind wir ja auch schon solche Menschen oder stehen kurz davor, solche Menschen zu werden, die glauben - ohne zu sehen, ohne daß es uns bewiesen würde - einfach weil wir es erfahren haben in unserem Leben: Der Herr ist lebendig, er ist mir nah, er ist auferstanden und ich werde auch einmal auferstehen! Wie das auch immer ist bei uns persönlich... Ich wünsche denen, die vielleicht doch gern endlich ei- nen Beweis hätten, daß es wahr ist mit der Auferstehung Jesu, daß sie auf die Menschen sehen, die das schon glauben können. Daß sie auf die Zeichen achten, die es zeigen: Dieser lebt in der felsenfe- sten Gewißheit, daß Jesus heute lebendig ist. Jene zeugt für eine unwiderstehliche Hoffnung, daß diese Welt nicht alles ist. Und jener schließlich strahlt es in all seinem Reden und Handeln aus, daß er überwunden ist von Jesus, der heute sein Herr ist. Und ich wünsche denen, die schon in diesem Glauben stehen dürfen, daß sie noch überzeugender davon sprechen um mit ihrem Leben Zeugnis ablegen können. Was für eine große Verantwortung ist das doch auch: Nicht dadurch, daß sie ihre Hände in Jesu Wundmale legen können, werden die Menschen zu ihm und zum Glauben an ihn finden, sondern allein durch uns: Wie glaubhaft es ist, was wir die Menschen mit unserem Leben, Reden und Handeln heute erfahren lassen. - Was für eine große Aufgabe! Ich wünsche uns Gottes Segen dazu! Die Predigt wurde gehalten von Pfr. Manfred Günther, Lohgasse 11, 35325 Mücke/Groß-Eichen