Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias, dem 17.1.1999 Textlesung: 2.Mose 33, 17 - 23 Der HERR sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Laß mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorüber- gegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen. Liebe Gemeinde! Ich weiß nicht, ob diese uralte Geschichte so ganz von selbst mit ihnen redet. Ich habe erst einmal eine ganze Weile davor gesessen - mit etwa folgenden Gedanken: Wieder einmal etwas aus dem Al- ten Testament, eigentlich schön, aber was sagt mir das, und was soll ich dazu weitersagen? Gibt das irgendwie Trost und Hilfe für heutige Menschen? Dann fiel mir's wie Schuppen von den Augen: Das hat doch haargenau mit den Fragen so vieler Menschen unserer Tage zu tun, und es sind viele Christen darunter, warum wir oft ein so schweres Geschick tragen müssen...warum Gott auch die Besten nicht vor Leid bewahrt - und vielleicht gera- de die nicht. Das lesen wir freilich nicht an der Oberfläche dieser Verse. Da müssen wir schon ein wenig in die Tiefe dringen: Mose will Gottes Angesicht sehen, seine Herrlichkeit. Doch er verlangt mehr, als Gott irgendeinem Menschen gewähren will. Und Gott verwehrt es ihm: "Keiner darf mein Gesicht sehen, er müßte sonst sterben!" Doch das erlaubt Gott dem Mose: Er darf ihm nachschauen und während die Herr- lichkeit Gottes vorbeigeht, stellt er ihn in die Enge zwischen zwei Felsen und hält schützend die Hand über Mose...und dann darf er ihm nachsehen... Für mich ist das zum Bild geworden, für uns und unsere Frage: Warum? - Du willst von Gott wis- sen: Warum leide ich, warum hast du ihn mir genommen, weshalb diese Krankheit, dieses lebenslan- ge Gebrechen, warum dieses harte Schicksal... Du willst Gottes Gesicht sehen! Du willst ihn erken- nen, seine Pläne begreifen, sein Tun an dir und deinem Leben verstehen. Du forderst mehr, als Gott irgendeinen Menschen gestatten kann. Gott verweigert's dir: Keiner darf sein Gesicht sehen, nie- manden weiht er ein in seine Pläne!: Zu hoch für dich und mich - wir müßten sterben! Aber das ist uns erlaubt: Wir dürfen ihm nachschauen und daß wir nicht vergehen, während er an uns vorüberzieht, stellt er uns in die Enge, hält uns die Hand schützend über... Es wird eine Weile dunkel, aber es ist seine Hand, die das macht - und hernach werden wir schauen: Seine Herrlichkeit! Und wir werden begreifen erkennen, verstehen... Aber erst, wenn er vorbeiging - sein Angesicht kann niemand schauen. Ist das immer noch zu sehr in Rätseln gesprochen? - Ich will von zwei Frauen erzählen. Die erste von ihnen ist heute 86 Jahre alt. Sie war in einer Bau- ernfamilie im Osten groß geworden. Sie war in Stellung gewesen, hatte geheiratet. Zwei Kinder. Dann kam der Krieg und der Mann fiel irgendwo im Westen. Vom 11. Dezember 1943 weiß sie heute noch alle Einzelheiten. Sie weiß, wie sie in den Briefkasten schaute, als sie die Treppe hinun- terging um einzukaufen. Sie erinnert sich daran, wie sie die Milchkanne und die Einkaufstasche auf die Erde stellte und den Brief mit zitternden Händen herausnahm, öffnete und las. Auch den Text weiß sie noch auswendig: "Wir müssen ihnen leider mitteilen...", und er schloß mit: "Ihr Mann...gefallen...für Volk und Vaterland." Sie weiß noch, wie sie die Treppe wieder hinaufging, wie sie die Wohnungstür aufschloß, sich setzte, den Brief noch einmal las und wie ihr endlich die Tränen kamen... Die andere Frau ist 88. Sie ist in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, war Näherin geworden, hatte geheiratet. Das erste Kind, Bärbel, starb an Lungenentzündung mit 7 Jahren. Auch davon weiß sie noch alle Einzelheiten. Am 1. Weihnachtstag fing alles an, da hustete die Kleine. Sie hat ihr Husten- saft gegeben. Sie hat Fieber gemessen. Weil das Kind nicht schlafen konnte, hat sie dann den Arzt geholt. Sie weiß noch, wie oft sie nachts aufgestanden ist, wie ihr Herz klopfte, wie das Kind sie an- sah und wie es dann starb. - Das 2. Kind, ein Junge, wuchs dann allein auf. Dann kam der Krieg. Der Mann vermißt. Mit ihrer Näherei hielt sie sich und den Jungen über Wasser. Der Sohn ist heute ver- heiratet, lebt weit weg und sie ist allein. Zwei scheinbar austauschbare Lebensläufe, wie sie viele Frauen dieser Generation erlebt haben könnten. Harte Schicksale, sie haben geweint und geschrien, gehadert und gezweifelt damals, und sie haben gefragt: warum...und wieder und wieder: Gott, warum, warum..? Aber er stellte sie in die Enge, dorthin wo der Atem schwer geht und die Angst gedeiht und die Furcht uns das Herz abschnürt...und es wurde dunkel über ihnen, stockfinster um sie her und nicht der kleinste Hoffnungsschimmer brach da herein... Heute sind die beiden 86 und 88, wie gesagt. Der Schicksalschlag, der sie traf, er ist lange vorbei. Wie sehen die beiden selbst ihr Leben, wenn sie zurückblicken? - Fragen wir sie! Die eine, die jüngere, meint: "Ich habe oft darüber nachgedacht. Aber ich möchte eigentlich nichts missen, nichts! Ich habe mir oft gewünscht, daß mein Mann wiedergekommen wäre, damals. Aber jetzt würde ich sagen, ich bin dadurch selbständig geworden. Ich habe damals, wenn auch mühsam, gelernt, mein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Ich wäre heute wohl ein anderer Mensch, wenn ich das damals nicht gelernt hätte. Vielleicht käme ich heute nicht so gut mit dem Alter zu- recht, wie ich es tue? Und was meinen Mann angeht, ich habe ihn geliebt, o ja, aber ich weiß, er fiel damals nicht ins Nichts, als er starb, und ich weiß, wir werden uns wiedersehen." Lassen wir auch die andere sprechen: "Ich habe mir manchmal gewünscht, daß die Dinge anders verlaufen wären. Aber etwas davon streichen? Nein! Ich bin sehr verzweifelt gewesen, als das Kind starb. Aber als dann der Krieg kam und ich ausgebombt wurde, habe ich oft gedacht: Die Bärbel hat es gut! Wer weiß, was mit ihr geschehen wäre in dieser Zeit? Manchmal glaube ich, Gott hat meine Kleine wohl sehr lieb gehabt...und ich habe ja auch viel Freude an dem Kind haben dürfen...sieben Jahre lang... Die beiden Frauen haben Gott erfahren. Er hat sie hart geschlagen. Es war sein Wille so... Und sie wollten sein Angesicht sehen, wollten ihn erkennen, wollten wissen warum? Aber kein Mensch darf ihn sehen. Er hat sie in die Enge gestellt, in Angst und Zweifel geführt...aber er hat auch da noch schützend seine Hand über sie gehalten, bis er vorbei war. Und sie durften ihm hinterhersehen. Spä- ter, viel später durften sie schauen, erkennen, begreifen...warum... - "Ich weiß nun warum, ich ahne einen Sinn, selbst in diesem Leid, auch in dieser Krankheit, sogar nach diesem Abschied...diesem furchtbaren Schmerz..." So kann man wohl immer erst hinterher sa- gen. Hinterher kann es auch geschehen, daß in dem, was vorher dunkel und unverständlich schien, Gottes Antlitz aufleuchtet. Hinterher kann es sein, daß wir erkennen: die Erfahrungen, die wir ge- macht haben, machen mußten, formten erst das, was wir heute sind. Wir haben unsere besondere, unverwechselbare Persönlichkeit durch sie gewonnen. Hinterher können wir vielleicht erkennen, daß in dem Geschehen, das wir Schicksal nennen, nicht ir- gendeine unpersönliche Macht am Werke ist, sondern daß daraus Gottes Barmherzigkeit, seine Lie- be und seine Treue wie ein Licht aus dem Dunkel hervorstrahlen kann. Gottes Pläne erkennt keiner. Niemand kann sein Angesicht sehen. Aber wenn es dunkel wird in un- serem Leben, so ist das allemal seine Hand, die er schützend über uns hält, bis er vorbei ist. Dann dürfen wir ihm hinterhersehen. Hinterher werden wir schauen, Sinn finden und begreifen. Hinterher! Ich will mich daran erinnern, wenn ich in meinem Leben fragen muß: Warum?