Predigt am 9. So. n. Trinitatis - 9.8.1998 Liebe Gemeinde! Ich weiß nicht genau, ob wir es alle beklagen, aber wir spüren es doch: Dieser Zeit und ihren Menschen ist alles "gleich-gültig". Ich weiß kein besseres Wort dafür. Ich meine es wörtlich: Es gilt den Menschen dieser Tage alles gleich. Ob du nun Christ bist oder Moslem - jeder muß nach seiner eigenen Fasson selig werden. Ob einer überhaupt gläubig ist oder Gott leugnet - was soll’s, es ist doch seine Sache. Ob einer in die Kirche geht oder nicht - was interessiert uns das schon? Und das ist nicht nur in religiösen Dingen so. Ob die Not oder das Leid ins Nachbarhaus einzieht - jeder hat doch sein Päckchen zu tragen! Ob die Tochter aus dem Haus gegenüber endlich ihren ersehnten Berufsabschluß gemacht hat - wer freut sich mit? Wer überhaupt neu in diesem Dorf (dieser Stadt) wohnt - wer weiß das noch und wer kennt die Leute oder will sie auch nur kennen? Ich weiß dabei schon, daß es Ausnahmen gibt. Nicht alle sind so. Nicht jeder schaut nur auf seinen eigenen Weg. Und es sind gewiß nicht nur die Christen, die nach ihren Nachbarn sehen, durchaus nicht. Aber im großen und ganzen ist das der Geist dieser Zeit: Wenig Interesse aneinander, mehr und mehr lebt jeder nur für sich und vor sich hin, eben "gleichgültig..." Hören wir in diese Gedanken hinein ein paar Verse aus dem Philipperbrief: Textlesung: Phil. 3, 7 - 11. 12 - 14 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwenglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, daß ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten. Nicht, daß ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, daß ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. Wir könnten uns jetzt sicher in tief-theologische Erörterungen verlieren. Aber mir geht es heute um etwas anderes: Spüren sie die Begeisterung dieses Mannes? Der ist einfach angerührt von der Wahrheit seiner Sache. "Ich gehöre zu Christus...", das schreit geradezu aus jeder Zeile. "Ich bin einer seiner Leute. Ich bin ganz auf seiner Seite." Hören sie doch nur die starken Worte, die Paulus gebraucht: "Was mir Gewinn war, ist mir jetzt Schaden! Überschwengliche Erkenntnis Christi... Was ich früher gedacht habe und geglaubt habe, ist mir jetzt Dreck, ja, es ist mir "Kot", wie es eine andere Übersetzung sagt. Neulich fragte mich eine junge Frau: "Ist das denn nicht ein und derselbe Gott, den die Moslems anbeten und die Hindus und wir Christen? Ist es dann nicht eigentlich egal, woran wir glauben?" Ich will nicht sagen, was ich geantwortet habe. Aber können sie sich vorstellen, wie Paulus reagiert hätte? Alles andere als "gleichgültig" jedenfalls! "Ich kenne doch meinen Jesus Christus!", hätte er vielleicht angefangen. "Der ist mein Herr und niemand anderes. Und er hat mir seinen Vater offenbart und er ist für mich ans Kreuz gegangen und allein in ihm sehe ich den Weg über die Todesschwelle hinaus ins Leben! Ich glaube nicht an den Propheten Mohammed und nenne meinen Gott nicht Allah! Für mich gelten auch keine hinduistischen Lehren, sondern das Gebot meines Gottes: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Er würde wahrscheinlich noch ein bißchen mehr sagen, der Apostel Paulus. Jedenfalls hätten wir keinen Augenblick das Gefühl, er wäre gleichgültig oder es wäre ihm egal, was und wie andere selig werden und es wäre mehr oder weniger ein Zufall, daß er halt an Jesus glaubt... Nun weiß ich überdies, daß man diese Begeisterung für die Sache Christi nicht befehlen oder machen kann. Einen oder eine, dem oder der das nunmal herzlich egal ist, ob sie nun auf Christus getauft oder ob er als Moslem beschnitten wurde...so einen Menschen kann keiner umdrehen und mit dem Feuer für die christliche Sache entzünden. Das geht schon deshalb nicht, weil diese Zeit halt so arm ist an Beispielen für begeisterte, von ihrem Glauben entzündete Menschen. Es gibt so wenige Vorbilder. Die Freude an Jesus ist eine sehr seltene Pflanze. Sie blüht nicht an jeder Straßenecke. Trotzdem denke ich mir, daß wir Beispiele brauchen, wenn wir aus dieser Gleichgültigkeit herauskommen wollen, die alles so fad macht und freudlos. Die Sache Jesu braucht Begeisterte, so heißt es in einem Lied aus unseren Tagen. Das stimmt. Die Leute Jesu brauchen sie auch! Wir müssen wieder zum frohen, klaren und lauten Bekenntnis kommen. Das darf uns nicht in Scham oder Zurückhaltung bringen, wenn es gilt, für Jesus fröhliches Zeugnis abzulegen! Und uns tut ein gesundes Selbstbewußtsein Not - nicht nur als "irgendwie Gläubige", sondern als Christen! Jesus hat nicht gesagt, geht hin in alle Welt und schaut euch um, wie die Leute dort so glauben und sucht euch das beste daran aus und macht euch dann eure eigene passende Religion daraus. Er hat uns geheißen, die Menschen auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen und sie halten zu lehren, was er gesagt und vorgelebt hat! Es ist nicht gleich-gültig, ob einer Christ oder sonst etwas ist. Für uns nicht! Wie gesagt und beklagt: Es fehlt an Vorbildern. Und es geht doch nicht ohne Vorbilder, daß einer Lust bekommt an Christus und seiner Sache und auch so sprechen kann: "Alles andere ist mir Dreck geworden gegenüber der überschwenglichen Erkenntnis Christi, meines Herrn." Ich möchte ihnen darum von zwei solchen Vorbildern erzählen. Ich kann sie ihnen nicht selbst vorstellen, aber von ihnen berichten kann ich: Das war in der wunderschönen St. Annenkirche zu Annaberg im Erzgebirge. Ich war mit einigen Freizeitteilnehmern an zwei Tagen dort zur Besichtigung. Wie schön es in dieser Kirche ist, kann ich mit Worten nicht vermitteln. Aber etwas anderes: Es waren zwei Menschen aus dem Kirchenvorstand der Annagemeinde, die mich sehr beeindruckt haben. Sie leisten in der Kirche den Dienst der Führung von Gruppen, die sich die Sehenswürdigkeiten des herrlichen Gotteshauses anschauen wollen. Es war ein Mann und dann eine Frau, die uns geführt haben. Und zwar kostenlos! Sie haben auch hernach nicht die Hand aufgehalten, um ein Trinkgeld zu erbitten. Nein, nichts dergleichen. Und doch war ihre Führung derartig engagiert und freundlich! Zumindest die Frau aus dem Kirchenvorstand wußte nichts davon, daß wir eine kirchliche Gruppe waren! Wahrscheinlich führen sie überwiegend Menschen aus der ehemaligen DDR oder Leute, denen in erster Linie an den Kunstschätzen oder der Baukunst gelegen ist. Weniger kommen die Menschen wohl in die Annakirche, um dort eine flammende Missionspredigt zu hören oder auch nur ein überzeugtes (und überzeugendes) Bekenntnis zu Jesus Christus. Das aber genau konnte man hören! Ich denke mir einmal, da tritt ein Atheist oder ein völlig vom Glauben Unbeleckter in die schöne Kirche. Er will dort die berühmte Kanzel sehen, die ebenso berühmte Bibel der Armen an der Empore und den Bergmannsaltar, der weltbekannt ist. Was er nicht will, bzw. woran er nicht im Traum denkt, ist doch dies, daß ihn hier jemand mit seiner Begeisterung für Jesus und die christliche Gemeinde anstecken will, werben will für diesen Herrn. Aber so war es: Mit leuchtenden Augen haben die Führer in der Kirche von der Gemeinschaft in der christlichen Gemeinde ihres Ortes geschwärmt. Sie haben erzählt, wie dieser Jesus Christus schon vor Zeiten den Menschen tägliche Hilfe geschenkt hat, wie sie mit dem Gebet und dem Gottesdienst jeden Tag ihrem Herrn nahe waren, wie sich die Bergleute der Gegend etwa morgens zur Bitte und abends - nach 12 Stunden harter Arbeit - zum Dank vor dem Altar versammelt haben. Dann schlugen sie aber auch eine Brücke zum Heute: Diese Hilfe und diese Beziehung zum Herrn könnte man auch in diesen Tagen noch haben. Und bei ihnen in der Gemeinde wäre das so: 400 Menschen kämen jeden Sonntag in die Kirche und jeder wäre eingeladen, es dürften immer noch mehr werden und es wäre doch auch so schön in der Gemeinde und in der Beziehung zu diesem Herrn Jesus und sie wünschten auch jedem hier in dieser Kirchenführung, daß er und sie zu diesem Jesus Christus finden... Es war wirklich beeindruckend! Es hätte nur noch gefehlt, daß die Führer für die Menschen gebetet hätten, die sie durch das Gotteshaus geführt haben. Und ich bin fast sicher, daß sie das wenigstens hinterher getan haben und daß es überhaupt die Grundlage und das Ziel ihrer Führung war und ist: Menschen zu Jesus zu führen, von dem sie "überschwenglich" angetan sind und den sie als den einzigen Herrn ihres Lebens kennengelernt haben. Warum ich ihnen das jetzt erzählt habe? Das ist sicher keine Frage mehr: Da habe ich solche Vorbilder für begeisterten Glauben gefunden, die wir so bitter nötig haben. Außerdem geht diese schöne Erfahrung schon so lang mit mir und will hinaus unter die Leute - ich mußte einfach einmal davon reden! Vielleicht kann auch uns dieses Beispiel aus unseren oft so gleichgültigen Tagen anzünden, daß wir Feuer und Flamme werden für unseren Herrn und seine Sache!? Vielleicht können uns solche Vorbilder wenigstens ins Nachdenken bringen, daß wir uns fragen: Was ist mir das eigentlich wert, daß ich Christ(in) bin? Wie nah oder fern bin ich solchen Gedanken: "Was mir Gewinn war, habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich achte alles für Dreck, wenn ich nur Christus gewinne, meinen Herrn!" Die Predigt wurde gehalten von Pfr. Manfred Günther, Lohgasse 11, 35325 Mücke/Groß-Eichen