Predigt am Sonnt. "Miseric. Domini" - 26.4.98 Textlesung: 1. Petr 2, 21 - 25 Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, daß ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen. Liebe Gemeinde! Vielleicht hat das ja auf den ersten Blick gar nichts mit diesen Versen zu tun, aber mir ist über den Gedanken zu diesem Sonntag etwas aufgegangen: Was reden wir doch so kindlich, so menschlich von Jesus! Besonders in der Kirche, in frommen Kreisen und wo immer sonst noch von ihm gesprochen wird. „Ist doch schön”, sagen sie? Ist es ja auch! Nur - so frage ich mich - meinen wir das immer ganz ernst, wenn wir zum Beispiel so reden: „Jesus ist jetzt - in diesem Gottesdienst - mitten unter uns. „ - „Beim Abendmahl lädt er selbst uns ein; wir haben mit ihm Gemeinschaft an seinem Tisch.” -”Jesus hält uns an der Hand. Wir können in seine Fußstapfen treten. Er segnet uns.” - ”Er ist unser guter Hirte. Wir sind seine Schafe. Er bringt uns, wenn wir uns verlaufen haben, zur Herde zurück.” Ich frage sie jetzt einmal: Können sie sich das wirklich vorstellen? Jesus, den sie nicht sehen, hält sie an der Hand, steht neben ihnen, hört die Worte, die sie sprechen, sieht alles, was sie tun? Ich glaube, sie spüren jetzt auch: So ganz deckt sich unser Reden nicht mit unserem Denken. Oft sind unsere Worte leer. Der „gute Hirte”, Jesus, hat seinen Platz allenfalls noch auf dem alten Bild im Schlafzimmer, über unserem Bett. Aber kaum mehr in unseren Köpfen, wenn wir ehrlich sind. Sollen wir also aufhören, von Jesus als dem „Hirten” zu predigen? Müssen wir solche Gedanken aus unserem Denken verbannen: Jesus hält seine Hand über uns. Er führt uns, er trägt uns, er hört unsere Stimme? - Nein, das nicht. Dann müßte auch die ganze Bibel neu geschrieben werden. Dort heißt es doch: Wir sollen in Jesu Fußstapfen treten. Er bringt uns auf den rechten Weg zurück. Er ist unser Hirte; wir stehen unter seinem Schutz. Ich glaube, etwas anderes tut Not: Wir müßten uns das, was wir mit dem Mund sprechen, auch wieder richtig vorstellen können. Besser: Wir müßten uns das vorstellen wollen! Ich denke nämlich, das Problem liegt ein wenig anders. Nicht, daß es zu „menschlich” oder gar zu „kindlich” wäre, sich Jesus jetzt mitten unter uns vorzustellen oder auch jeden Tag an unserer Seite oder neben unserem Bett... Das dürfen wir. Das sollen wir. Die Heilige Schrift redet so von Jesus: „Mensch ist er geworden, unser Bruder, der Hirte, der den Schafen nachgeht, sie findet und auf seine Schulter nimmt...” Aber wir wollen uns Jesus so nicht denken, oft jedenfalls nicht! Schauen wir doch einmal tiefer in das Bild vom „guten Hirten” hinein: Es mag ja noch angehen, wenn wir uns Jesus mit dem weißen Lämmchen auf dem Rücken ausmalen. Das paßt in unsere religiöse Anschauung. Der mild-lächelnde Heiland, das Schäfchen mit dem blütenweißen Fellchen. Was wäre aber, wenn Jesus ein ausgewachsenes Schaf trüge, mit schmutzigem, besudeltem Pelz? Und wenn er unter dem Gewicht dieses Tieres stöhnte, den Mund zu einem Schrei verzöge, ja, wenn er unter der Last dieses Schafes in die Knie bräche? So ein Bild würde uns nicht gefallen! Keiner von uns würde es sich in sein Schlafzimmer hängen. Und doch ahnen wir: Ein solches Bild träfe die Wirklichkeit besser! Hier erkennen wir, warum sich unser Reden und Denken von Jesus nicht deckt: Mit unserer Bosheit, mit unserer Schuld mögen wir ihn nicht in Verbindung bringen. Damit hat er nichts zu tun. Dabei wollen wir ihn nicht haben. Keiner von uns kann aber auf die Dauer Jesus nur in die hellen Bilder seines Lebens hineinzeichnen. Da müßte man sich innerlich ja spalten. Das Böse gehört ja auch zu mir. Die Schuld, die ich tagtäglich auf mich lade, kann ich nicht leugnen. Jesus aber soll nur der „mild-lächelnde Hirte” sein, den ich in meinen besten Stunden an meiner Seite dulde? Mein Versagen aber, meine Fehler, meinen bösen Willen, meine Mißgunst soll er nicht sehen? Ich male jetzt Jesus einmal in 3 Lebensbilder hinein, wie sie unsere tägliche Erfahrung sind. Ich hoffe, wir werden darüber erschrecken. Aber ich hoffe auch, daß wir etwas daran begreifen. Das erste Bild: Ein Mann ist darauf zu sehen. Er kennt nur seine Arbeit. Gewiß hat er Familie, Frau und Kinder. Aber er kann nur schaffen, schaffen. Für nichts anderes hat er Zeit. Neun Stunden am Tag ist er von zu Hause weg. Abends geht's dann weiter - bis in die Nacht. Sieben Tage in der Woche. Sonntags ist für ihn die Gelegenheit aufzuarbeiten, was sonst liegengeblieben ist. Von niemandem läßt er sich etwas sagen: „Denk’ doch an deine Gesundheit. Was machst du deiner Frau und deinen Kindern für ein Leben. Ist der Mensch nur für die Arbeit da?” Er schlägt alles in den Wind. Da hinein male ich jetzt Jesus. Er steht sehr am Rand des Bildes. In der Mitte ist kein Platz für ihn. Ich würde seine Züge ganz verzerrt darstellen, denn er leidet an dem mit, was dieser Mann tut. Er trägt die Schmerzen mit, die dieser Mann seinen Mitmenschen zufügt. Es tut Jesus weh, wie dieser Mann sein Leben vergeudet. Ja, vielleicht würde ich Jesus so darstellen, daß er dem Mann die Hand auf die Schulter legt. So als wollte er ihn zurückhalten und ihm sagen: Laß ab von dem, was du tust! Aber der Mann hört nichts. Er ist zu beschäftigt. Das zweite Bild: Eine Frau habe ich gemalt. Sie lebt nur für sich. All ihre Gedanken kreisen um sie selbst. Das Schicksal der Menschen in ihrer Umgebung interessiert sie nicht. Sie lebt wie auf einer Insel. Um sie her der weite Ozean der Gleichgültigkeit. Für die Gemeinschaft der Menschen, in der sie wohnt, würde sie nie einen Finger rühren. Erst recht kann ihr nicht nahekommen, was draußen in der Welt an Hunger und Elend herrscht. Auch auf diesem Bild sehen wir Jesus. Auch sehr klein, unscheinbar, aber doch ist sichtbar, wie ihn das Verhalten dieser Frau quält. Seine Nägelmale würde ich sehr deutlich darstellen, das Blut, das ihm unter der Dornenkrone hervorquillt, seine offene Seite... Wir müßten daran diesen ungeheuren Gegensatz verstehen: Hier ein Mensch, der sich nicht einmal um seinen Nachbarn schert, da Jesus, der für alle Menschen ans Kreuz geht, um schuldlos zu leiden und zu sterben. Der Jesus dieses Bildes zeigte übrigens auf die vielen anderen Menschen, die ich noch in dieses Bild hineinmalen würde: Einen Behinderten vielleicht, einen Alten, einen Kranken, einen, der in Not geraten ist... Alles Menschen aus der nächsten Nähe dieser Frau, Nachbarn, Nächste, die sie nicht sieht, nicht sehen will, die ihr der Heiland aber zeigen will... Ein drittes Bild würde ich noch gern malen. Darauf würde ich uns alle einzeichnen, an unserem Ort im Leben, mit unserer ganz persönlichen Schuld: Einen würde ich mit seiner Habsucht darstellen, einen anderen mit seiner Herzenskälte, einen dritten malte ich so, daß seine Vergnügungssucht sichtbar wird. Für uns alle wäre Raum auf diesem Bild: Für die Untreue, für den Mangel an Liebe, für unseren Hochmut, für die Geschwätzigkeit, für unseren Geiz, unsere Trägheit und für all die vielen Gelegenheiten, wo wir in unserem Leben Sünde auf uns geladen haben. Und auch auf diesem Bild wäre Jesus! Neben uns allen, dicht an unserer Seite. Das müßten wir begreifen: Er hört alles, was wir reden. Er sieht alles, was wir tun. Ja, er weiß sogar, was wir denken; denn auch in unserer Schuld, Bosheit und Sünde ist er bei uns, ganz nah. Und es tut ihm weh, wenn wir andern weh tun. Es schmerzt ihn, wenn wir andern Schmerzen zufügen. Es quält ihn, wenn wir andere quälen. Er teilt und trägt auch all unsere Schuld mit, genauso, wie er an meiner Freude und meinen guten Stunden teilhat... Nun aber heißt es: Christus hat unsere Sünden am eigenen Leib ans Kreuz hinaufgetragen. Wie kann ich das in diesem Bild darstellen? - Nun, ich würde dem Jesus auf meinem Bild eine riesige Last auf den Rücken binden. Und jeder, an dem er vorbeikommt, lädt ihm noch eine weitere Last dazu: Der eine seine Herzenskälte, der andere seine Habsucht... Und in der Ferne, am Ende des Weges, den der Herr zieht, malte ich das Kreuz, zu dem er all die Schuld bringt - um für sie sein Leben zu geben, damit wir frei werden, neu zu beginnen: „Dadurch sind wir für die Sünde tot und können jetzt für das Gute leben. Durch seine Wunden sind wir geheilt!” Doch, wir dürfen uns Jesus ganz menschlich vorstellen, kindlich: als den guten Hirten, der uns an der Hand nimmt, der uns an die Schulter faßt... Wir sollen es sogar. Aber auch mit unserer Schuld hat er zu tun. Er steht neben uns, auch wenn wir andere verletzen, schmähen, beleidigen... Er trägt auch das Schaf mit dem besudelten Fell. Um solcher Schafe willen, ist er ans Kreuz gegangen. Die Last unserer Schuld hat er dorthin getragen. Wir sind frei. Wir können nun für das Gute leben! Die Predigt wurde gehalten von Pfr. Manfred Günther, Lohgasse 11, 35325 Mücke/Groß-Eichen