Predigt am Sonntag "Palmarum" - 5.4.1998 Textlesung: Phil. 2, 5 - 11 Liebe Gemeinde! Der Pfarrer, bei dem ich vor vielen Jahren konfirmiert wurde, hat uns diese Verse auswendig lernen lassen: "Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus, Christus auch war..." Noch heute kann ich die Worte hersagen. Inzwischen weiß ich auch, warum meinem Pfarrer diese Verse so wichtig waren: Ist da nicht alles enthalten, worauf es für uns Christen ankommt? Erfahren wir hier nicht die ganze Bedeutung des Lebens und Sterbens Jesu? Ich möchte so weit gehen: Wenn einer von der Sache Gottes, vom Glauben und Hoffen, von Jesus und seinem Auftrag nur diese paar Sätze wüßte, dann wäre es genug. Das heißt, er sollte sie auch verstanden haben - und verstehen bedeutet bei solchen Gedanken immer auch danach leben! Und man kann danach leben! Und andersherum: man kann nicht leben ohne diese Gedanken, als Christ jedenfalls nicht. Nun sind diese Verse ein wenig altertümlich von ihrer Sprache her: Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war... So spricht heute wohl keiner mehr, selbst wir Pfarrerinnen und Pfarrer auf der Kanzel nicht. So kann es sein, daß einige hier - zumal die jüngeren - gar nicht recht verstehen, was genau gemeint ist. Vielleicht ist es also gut, wenn ich dieses wichtige Stück froher Botschaft einmal in unser heutiges Deutsch übertrage. So beginnt es dann hoffentlich mit jedem und jeder von uns zu reden. Ich versuche es einmal: Jeder von euch nehme sich Jesus Christus zum Vorbild in allem. Redet so wie er. Handelt wie er. Geht mit euren Mitmenschen um wie er. Er war wie Gott, aber er gab alles für uns auf. Er wurde ein Mensch wie andere Menschen auch, ja, er wurde der Diener aller Menschen. Er ging den unteren Weg der Ohnmacht und des Verzichts und blieb seinem Auftrag treu bis zum Tod. Er starb den Tod eines Verbrechers am Kreuz. So hat er unsere Erlösung von Tod und Teufel vollbracht. Darum hat ihn Gott auferweckt und zu sich genommen und seinen Namen groß gemacht: Christus heißt er und in diesem Namen liegt die Rettung der Welt und aller Menschen beschlossen. Alle Menschen werden ihn einmal anbeten müssen. Alle Menschen hat Gott in seine Hand gegeben; er wird einmal unser Richter sein. In dieses Gericht werden alle Menschen kommen, die lebenden, die toten und die, die schon bei Gott sind. Die ganze Menschheit wird einmal bekennen müssen: Jesus Christus ist der Herr aller Herren. Das wird zu Gottes Lob und Ehre geschehen. Jetzt haben wir vielleicht erst so richtig gemerkt, was das für gewaltige Worte sind. Da ist wahrhaftig nichts hinzuzufügen. Wenn jeder sein Leben nach diesen Versen einrichtete, dann müßte schon morgen diese Welt zeigen, wer ihr Herr ist: Jesus Christus. - Warum sieht und hört man in dieser Welt aber nur so wenig von ihm? Warum tragen wir bloß so wenig seine Züge? Das kann doch nicht daran liegen, daß wir den Sinn dieser Worte bisher noch nie verstanden hätten: Ein jeglicher sei gesinnt... Gewiß aber hat es mit dem Inhalt dieser Verse zu tun: Bis heute geht Jesus den "unteren Weg". Er will keine Macht über uns ausüben, schon gar keine Gewalt anwenden. Er könnte es wohl, aber er will es nicht... Die Herzen will er haben - und die Hände. Und das freiwillig, ohne Zwang, weil wir ihn liebhaben, der uns so liebt, weil wir ihm nachfolgen in allem, worin er uns vorausging. Daß wir zögern oder einen ganz anderen Weg gehen als er, hat bestimmt mit unserer Angst zu tun. Wir sehen ja an ihm, wohin das führen kann: Leiden, Sterben, Schmerzen und Schande sind nun wirklich nicht verlockend für uns. Leider bleibt unsere Angst immer dabei stehen. Wie das Kaninchen gebannt auf die Schlange starrt, so starren wir auf Leid und Tod und sehen und hören nicht mehr, wie es weitergeht und daß es weitergeht: "Darum hat ihn Gott auferweckt und zu sich genommen..." Die Aussichten, dem Herrn Jesus Christus auch in ein neues ewiges Leben nachzufolgen, müßte uns doch treu in seiner Spur bleiben lassen, durch Leid, Schmerz und Tod hindurch! Wir werden einmal erfahren, wozu alles gut war, was uns Kummer und Schmerzen verursacht hat. Wir werden einmal begreifen, "warum ein Christ nicht ohne Kreuz sein kann". Dann wird unser Herz voll Freude sein, unser Kopf voll Verstehen und unser Mund voll Dankens und Rühmen... - Schon sind wir wieder einmal bei der neuen Welt Gottes, die uns nach diesem Leben erwartet. Seltsam ist das: Wir gehen in Gedanken gern hinüber in die herrliche Zukunft, die uns verheißen ist. Besonders dann, wenn wir mit dieser Welt und den Schwierigkeiten des Lebens nicht fertig werden. Verständlich ist es allerdings schon. Und berechtigt ist es auch - die Zusage Gottes läßt uns ja auf diese Zukunft hoffen! Aber ich möchte unseren Blick zurücklenken auf dieses Leben: Warum hat mich mein Pfarrer diese Verse als 14jähriger Konfirmand auswendig lernen lassen? Doch sicher, weil ich sie für mein Leben kennen und beherzigen sollte: "Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war..." Ich will jetzt nicht nur von mir reden, aber doch auch von mir! Mir haben diese Worte immer geholfen, besonders wenn ich traurig war oder bedrückt, verzweifelt oder in Angst. Wenn mir dann die Worte in den Sinn kamen: "Er erniedrigte sich selbst" und "er nahm Knechtsgestalt an", dann hat mich das getröstet. Irgendwie habe ich dann gespürt, du bist jetzt nicht allein, Jesus ist bei dir. Immer wieder konnte ich das in meinem Leben als sehr tröstlich erfahren, daß Jesus ja dasselbe Menschenleben kennengelernt hat wie ich. Ja, er ist eigentlich noch viel tiefer hinabgestiegen als jeder von uns! Mir hat das immer deutlich gemacht: Er steht jetzt neben dir, wenn du ängstlich bist. Er wird dich nicht verlassen. Er kennt einen Weg hindurch. Ich würde darum jetzt gern diese guten Erfahrungen mit ihm und mit den Versen aus dem Philipperbrief weitergeben. Eigentlich bin ich sicher, daß auch viele andere hier schon Hilfe durch solche Gedanken und solchen Zuspruch erlebt haben: Jesus erniedrigte sich selbst... wurde Mensch...ja, der Diener aller Menschen... Und nicht durch Gedanken allein! Wo diese Worte recht verstanden werden, wo man sich an ihnen festhält und sein Vertrauen auf sie setzt, da beginnen sie zu leben... Er selbst wird dann in den Worten und Buchstaben lebendig! Das läßt sich kaum beschreiben, aber ich will es dennoch versuchen: Nehmen wir an, einer von uns wird von Schicksalsschlägen gebeutelt. Nachdem er seine Arbeitsstelle verloren hat, wird er noch krank; schließlich kriselt es auch in seiner Ehe. So etwas gibt es ja. Nehmen wir weiter an, dieser Mensch hat diese Verse gehört oder hat sie seit langem im Gedächtnis: Jesus, der Diener aller Menschen...ging ans Kreuz...starb für uns... Da kann es schon sein, nein, es wird so sein, daß diese Verse zu sprechen beginnen, zu leben: Jesus, Diener aller Menschen...auch meiner, auch jetzt...meine Sorgen hat er zu seinen gemacht...meine Last hat er auf seine Schulter genommen...sie ist sein "Kreuz"...er trägt mit...er trägt sie weg...er gibt sein Leben für mich...ich kann aufatmen...mir wird leichter...er hält aus bei mir... er steht an meiner Seite... Worte haben aufgehört, bloß Worte zu sein. Jesus lebt! Ist niemand unter uns, der solche Erfahrungen gemacht hat??? Es mag ja nun sein, daß mein Leben als Christ voll von herben Schlägen ist, voller Leid und Kummer. Ja, manchmal meint man, gerade die Christen müßten oft besonders steinige und dornenreiche Wege gehen. Das führt uns zu einer anderen Wahrheit: Was landläufig als "Glück" und ein "schönes Leben" gilt, ist gar nicht unbedingt gut und wertvoll im Sinne Christi. "Glück" im Sinne der Welt ist vielleicht ein sehr oberflächliches Haschen nach Vergnügen und Kurzweil. "Schön" für die Weltmenschen mag wohl besser mit "leichtlebig" übersetzt werden. Und ob so etwas überhaupt "Leben" genannt werden kann, ist manchmal auch die Frage! "Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war... Uns wird hier ein anderes Leben vorgelegt und zur Nachahmung empfohlen: Dieses Leben in Jesu Spur mag manchmal sehr schwer sein, ja, es wird oft genug hart werden! Aber es wird - bei allem Schweren und Dunklen - ein gutes, ein geborgenes Leben sein. Ich bin nie allein - auch nicht in den trübsten Stunden nicht! Der Gott, der Knechtsgestalt annahm und für mich gestorben ist, hält in meiner Nähe aus. Er hält meine Hand, mögen auch alle Menschen sie loslassen. Was ist uns lieber?: 70 oder 80 Jahre schönes, vergnügliches Leben an der Oberfläche der Welt oder eines in Jesu Spur, wertvoll für andere, mit Sinn und Fülle für mich selbst, auch einmal hart und schwer, aber immer geborgen und bewahrt in dem, der uns in Leben, Leiden und Kreuz vorausging? Ich wünsche uns gute Erfahrungen mit diesen Versen und mit dem, von dem sie reden: 2. Textlesung: Phil. 2, 5 - 11