Predigt zum Letzt. So. n. Epiphanias - 1.2.1998 Textlesung: 2. Kor. 4, 6 - 10 Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, daß durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwengliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde. Liebe Gemeinde! Von wem redet Paulus? "Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht." Kann man das von uns sagen: Sie werden angegriffen, aber es macht ihnen nichts aus. Sie werden um ihrer Treue und ihres Glaubens ausgelacht, aber sie bleiben standhaft. Sie müssen durch Trauer, Not und Kummer, aber nichts kann sie unterkriegen? Wir kennen das doch ganz anders: Da ist das mitleidige Lächeln des Nachbarn, wenn er uns zur Kirche gehen sieht, zuletzt vielleicht vor ein paar Minuten. Da ist das Kopfschütteln des Mitmenschen, wenn wir den Glauben der Christen zur Sprache bringen. Da gibt es die Zeitgenossen, die ihre Freude dran haben, wenn sie uns als fromme Spinner abtun können - vielleicht, weil sie besser reden gelernt haben als wir. Ärgert uns das nicht jedesmal wieder? Fühlen wir uns nicht manchmal so mies. Wir hatten gedacht, dem geben wir aber diesmal die richtige Auskunft, wenn er uns wieder so anschaut. Er aber hat das letzte Wort behalten. Wir hatten uns alles so schön zurechtgelegt... Unser Gesprächspartner hatte doch wieder die besseren Argumente. Da fragen wir uns dann schon, warum kriegen wir nicht die Kraft, daß wir in Streitgesprächen siegen? Warum kommt uns im entscheidenden Moment immer nicht der Gedanke, der den Spötter schachmatt setzt? Warum läßt man uns nicht wenigstens in Ruhe? Jawohl, es ärgert uns viel - jeden Tag! Ein Christ sein, ist oft nicht leicht. Manchmal denkt man: Wäre es nicht besser, ich wüßte nichts von Jesus und seiner Sache? Und dann: Von wegen Treue und Glauben... Wer von uns hat noch keine Zeit gehabt, in der ihm die Zweifel kamen? Wir müssen doch nur die Nachrichten hören oder die Zeitung lesen. Wenn wir noch nicht ganz stumpf geworden sind, dann läßt uns das nicht kalt: Jede Minute stirbt ein Kind in der Welt an Hunger. Millionen Menschen in der Welt schlafen alle Tage ihres Lebens unter freiem Himmel und haben nur, was sie auf dem Leib tragen. Ein Vulkanausbruch vernichtet eine ganze Stadt und alles Leben in ihr. Ein Erdrutsch radiert ein Dorf oder einen ganzen Stadtteil von der Landkarte. Fragen wir da nicht: Wo ist Gott bei alledem? Und kann uns nicht so manches, was wir täglich selbst erfahren, auch zu diesen Fragen führen - zu diesen Zweifeln? Hat uns das nicht den Glauben schwer gemacht, als wir dieses Unglück hatten? Haben wir nicht auch gedacht: Warum, Gott, warum schickst du mir das...wenn es dich gibt? Und schließlich - die Trauer... Fühlen wir nicht bei jedem Abschied von einem lieben Menschen wieder den eisigen Hauch des Todes? Und setzt er uns nicht immer wieder zu, drückt uns das Herz ab, zwingt uns die Tränen in die Augen, beweist an uns seine furchtbare Macht? Derselbe Tod, den Jesus doch ein für allemal besiegt hat... O ja, wir sind von allen Seiten bedrängt, wir ängsten uns, wir zweifeln und wir leiden...., aber ob wir wirklich auch standhalten, ob wir uns im Leid bewähren, ob wir in Trauer stark sind??? Wer kann das von sich behaupten? Darum noch einmal: Von wem redet Paulus? Ja, und dann lesen wir noch: "Gott hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, daß durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi." Wie soll denn das gehen? Wie kann denn durch uns arme, schwache Christen auch nur einer für Jesus gewonnen werden? Sind wir nicht oft genug eher abschreckende Beispiele für das, was der Glaube an Gott bewirkt? Was müssen denn die Leute über das Christentum denken, wenn sie uns ansehen, unsere Ängste spüren, unsere Zweifel hören, unser Warum...? Und wir ärgern uns ja nicht einmal nur daran, daß wir so schwach und kein sind und als Christen eine so traurige Figur machen. Es beschäftigt uns auch der Gedanke: Wie überzeugend wäre es doch für unsere gottlosen Mitmenschen, wenn wir das rechte Wort zur rechten Zeit hätten, besser reden könnten, stärker wären im Leid und standhafter angesichts des Todes. Mit einem Wort: Wir wünschen uns mehr Kraft und Macht Christi, um die Leute zu ihm führen zu können. Was sagt Paulus?: "Wir haben aber solchen Schatz in irdenen Gefäßen... Was für ein passendes Bild! Wirklich: Unser Glaube, unsere Treue zum Herrn der Christen ist in unserem Inneren verborgen - wie in einem Gefäß. Und wirklich: Es ist ein "irdenes" Gefäß, aus Ton, aus "Erde" gemacht . Und es ist von außen armselig anzuschauen. Da glänzt nichts, da blinkt und prunkt nichts. Wie recht hat der Apostel! Aber es geht ja weiter: "...in irdenen Gefäßen, auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes - und nicht von uns"! Liebe Gemeinde, spüren sie, wie tröstlich das ist? Das soll so sein, daß wir so arm sind, so schwach, so hilflos manchmal. Gott will uns nicht als Über-Menschen, schon gar nicht als Über-Christen! Wir begreifen das vielleicht noch nicht ganz, aber: Er will, daß wir dem Spötter im Redestreit unterliegen; er will, daß wir oft nicht die richtigen Antworten finden; er will, daß uns die Trauer zu Boden zieht, klein und verzagt macht! Gott will es so! Auch bei uns Christen - gerade bei uns! Warum? "Auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes - und nicht von uns!" Damit Gott wirken kann und nicht wir. Und daß Gott selten den Weg der Stärke geht, wissen wir spätestens, seit sein Sohn über diese Erde ging: Von der Futterkrippe zum Kreuz führte sein Weg. Ohnmächtig, arm und hilflos war dieser Jesus - genau wie wir uns oft fühlen. Aber durch seine Ohnmacht und Schwäche kommt Gott zum Ziel. Und wir dürfen uns seitdem darauf verlassen: Auch wenn uns im entscheidenden Moment die rechten Worte fehlen - Gott kann doch das Herz unseres Gegenübers rühren. Auch wenn sie über uns spotten und lachen - Gott kann sie doch nachdenklich machen. Auch wenn uns Tod und Kummer schier verzweifeln lassen - Gott kann doch zu den Menschen reden, die über unsere Trauer und Verzweiflung den Kopf schütteln. Ja, er will durch unser Versagen sprechen. Er will unsere Schwäche zu seiner Stärke gebrauchen! Gerade wo wir hilflos sind, kommt Gottes Stunde. Schwierig diese Gedanken! Aber wir wissen ja: Gottes Wege sind anders als unsere und seine Gedanken höher als die unsrigen! - Können wir sie wirklich nicht verstehen? Denken wir doch einmal da weiter: Was wäre denn, wenn wir stärker wären, wir Christen? Nehmen wir an, das Gefäß unseres Glaubens blitzte und gleißte nur so. In der größten Not könnten wir noch ein Lied pfeifen. Aufrecht, ohne Tränen stünden wir an den Gräbern. Vor unseren Worten verstummte jeder Spott über die Sache der Kirche.- Wie würde das wirken, bei suchenden Menschen, hinter deren äußerer Maske sich ja oft genug Angst und Fragen verstecken. Müßten sie nicht denken: Wenn Christen solche Glaubenshelden sind, wie unerschwinglich ist dieser Glaube für mich! Ja, müßten sie nicht geradezu verzweifeln - an uns - weil wir in unserer trotzigen Kraft so himmelhoch über ihnen stehen, unerreichbar fern. Und noch in eine andere Richtung lohnt sich ein Gedanke: Wie würden wir selbst das wohl vertragen, wenn wir stärker wären? Immer das richtige Wort...die andern wissen nichts mehr zu erwidern...immer fröhlich, immer ein Lächeln, was wir auch tragen müssen...die Trauer um unsere Lieben stecken wir weg wie nichts...niemals ein Zweifel, nichts erschüttert uns...ein Christ aus dem Bilderbuch Gottes...? "Bilderbuch Gottes???" - "Auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes - und nicht von uns!" Ich würde hochmütig, wenn ich ein solcher Bilderbuch-Christ wäre. Ich müßte herabsehen auf all die kleinen Christenleutchen, die sich so abmühen, die jeder Wind umbläst, jeder Zweifel schüttelt, jede Not anficht. Ich würde wohl vergessen, daß es nicht meine Kraft ist, sondern die Kraft Gottes, die alles bewirkt, lenkt und führt. Ich würde wohl stolz werden - auf mich! In "irdenen" Gefäßen ist unser Glaube aufgehoben. Er soll niemand blenden, niemandem so in die Augen stechen, daß er den eigenen Weg zu und mit Gott nicht mehr sehen kann. Seine Kraft gibt uns die rechten Worte - und die müssen nicht immer starke Worte sein! Seine Kraft will in unserem Glauben wirksam werden - und oft bedient sich Gott auch unseres Zweifels und unseres Haders. Seine Kraft ist auch in unserer Schwäche da, in unserer Trauer mächtig - und er tut mit ihr sein Werk an den Menschen. Unsere Ohnmacht und unsere Schwäche sollte uns geradezu der Beweis dafür sein, daß Gott und seine Kraft in uns wirken! Gott will uns nunmal als "irdene" Gefäße gebrauchen. Aber kommt durch unsere Armseligkeit zu seinem Ziel! Sein Wille setzt sich durch - in aller menschlichen Schwäche! Wir sehen es an unserem Herrn Jesus Christus.